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Friska Viljor: Ein Obdachloser und sein Asylgeber in Musiktherapie

Friska ViljorSchweden: Das Land der unbegrenzten musikalischen Möglichkeiten. Und des teuren Alkohols. Gehen beide eine Symbiose ein, heißt das Ergebnis: Friska Viljor. Ein musikalischer Stilmix, der den biergeschwängerten Abend davor mit dem melancholischen Hangover am Morgen danach in einer Weise verbindet, dass die so entstandene Text-Ton-Schere ein wenig an die Romane von John Irving erinnert: Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Hört man die Musik, denkt man, den beiden Bandgründern Daniel Johansson und Joakim Sveningsson  schiene die Sonne aus dem Allerwertesten, lauscht man den Texten genauer, wird klar, dass im Gegenteil das Leben ihnen jeden Tag in selbigen tritt. Vor etwa drei Jahren wurden sie zeitgleich von ihren Freundinnen verlassen, ertränkten ihren Kummer in Alkohol und kamen auf die (Vorsicht Kalauer:) Schnapsidee, in eines der Studios zu gehen, die es - so habe ich mir sagen lassen - in Stockholm an jeder Ecke geben soll, um ihren aktuellen „state of mind (and heart)" in Noten und Texte zu fassen. Das Ergebnis und gleichsam Debütalbum „Bravo" lässt heute so manchen Musikgourmet eben das rufen und die Entscheidung der beiden abtrünnigen Lebensabschnittsgefährtinnen bejubeln. Auch das Nachfolgealbum „Tour De Hearts", das im Mai dieses Jahres erschienen ist, zeigt nicht weniger Experimentierfreude und Genre überschreitende Musikarrangements als sein Vorgänger und enttäuscht also nicht etwaige Erwartungen, die oft mit dem Zweitling verbunden werden, was ja - wie die Erfahrung zeigt - nicht jeder Band gelingen will.

Ich hatte Gelegenheit, mich mit Daniel Johansson und Joakim Sveningsson über den Surrealismus des Touralltags, das Pippi-Langstrumpf-Syndrom und das tragische Dasein von Singles über 30 zu unterhalten.


Ich bin gerade aus Stockholm zurückgekommen, und mir ist aufgefallen, dass wahnsinnig viele Leute dort etwas mit Musik zu tun haben. Es gibt sehr viele Bands etc. Ist es schwer sich gegen die ganze Konkurrenz durchzusetzen?

D: Es gibt schon eine Menge Bands in Stockholm...
J: ...aber gleichzeitig gibt es nur wenige Locations, in denen man auftreten kann.

Also ist es vielmehr, dass eine Menge Musik aufgenommen wird.

J: Ja, viele Bands sind einfach zusammen im Proberaum oder im Studio. Aber es stimmt: Jeder zweite oder dritte in Stockholm ist in einer Band. Und es sind viele gute dabei, die Konkurrenz ist wirklich groß. Jeder muss also sehen wo er bleibt.
D: Aber ich glaube, das ist nicht nur negativ.

Vielleicht spornt es einen eher an, noch besser zu werden.

D: Genau.

Bei euch scheint es aber im Moment ganz gut zu laufen: Ihr habt mittlerweile schon euer zweites Album rausgebracht und seid erst seit etwa drei Jahren als Band unterwegs.

D: Ja, es lief wirklich gut, besser als wir es uns erträumt haben.
J: Wir haben am Anfang noch nicht mal gedacht, dass sich daraus eine Band entwickelt.

Etwas, das damit beginnt, dass man sich betrinkt, endet ja nicht immer so gut. Wo wir schon mal beim Thema sind: Habt ihr denn schon das Geld raus, dass ihr für euer erstes Album ausgegeben habt? Schließlich ist Alkohol in Schweden ja ziemlich teuer.

D: Leider schreiben wir immer noch rote Zahlen, hoffen aber, dass sich das in ein paar Jahren ändert. Wir sind ja immer noch recht neu im Geschäft, und in England für nen Fuffi zu spielen, deckt vielleicht gerade mal die Kosten für Alkohol. (lacht) Wobei wir auf Tour den Alkohol immer kostenlos bekommen.
J: Es ist, wie ein paar bezahlte Urlaubsreisen zu machen.

Eure Songs handeln ja hauptsächlich von Frauen, Alkohol und Rock'n'Roll. Lebt ihr das denn auch?

D: Ja, das tun wir. Wir können uns nur eben nicht viel anderes leisten (lacht).

Wenn man die Geschichte hinter der Entstehung eures ersten Albums „Bravo" kennt, ist es erstaunlich, wie positiv und up-beat die Melodien der Lieder sind. Auf der anderen Seite sind die Texte aber schon recht deprimierend. Braucht ihr diesen Dualismus in euren Liedern?

D: Ja, das ist uns sehr wichtig.
J: Zumindest war es das bei unserem ersten Album. Aber ich glaube, das ist es immer noch.
D: Auf dem ersten Album vielleicht etwas mehr. Aber wenn alle Lieder so klingen würden wie das, was die Texte aussagen, dann weiß ich nicht, wo wir enden würden (lacht).

Joakim, du hast mal gesagt, es sei „Kindermusik mit Texten für Erwachsene". Leidet ihr am Pippi Langstrumpf- oder Peter Pan-Syndrom, d. h. wollt ihr nicht erwachsen werden?

J+D: (lachen) Ja.
J: Wir sind jetzt in den Dreißigern, und es ist schon schwer, wenn man die Leute um sich rum sieht, die eine geregelte Arbeit haben, ein Haus, eine Familie, ein Auto und so was. Dann schauen wir uns an und denken: Was haben wir bisher erreicht? Wir haben keinen vernünftigen Job, kein Haus...
D: Ich bin obdachlos.
J: Ja, du bist sogar obdachlos.

Aber du lässt ihn doch sicher bei dir wohnen, oder?

J: (lacht) Ja, klar. Jedenfalls ist es hart, wenn man erkennt, dass man erwachsen werden muss. Das, was wir gerade erleben, ist irgendwie surreal. Es gibt kostenlosen Alkohol und jeder bedient uns, wenn wir hier in Deutschland sind. Dann kommen wir zurück nach Schweden und sind wieder in der Wirklichkeit. Da ist es ganz anders. Dort sind wir nicht so bekannt wie hier.
D: Zuhause muss man erkennen, dass man sich eigentlich einen Job suchen und erwachsen verhalten müsste. Das ist echt verdammt hart.

Ich finde, das ist eine Krankheit unserer Generation im Allgemeinen.

J: Ja, und wenn man vor sieben Jahren so einen Lebensstil gehabt hätte, dann wäre man als Freak abgestempelt worden. Heutzutage ist es wenigstens ein bisschen einfacher.

Und es macht so viel mehr Spaß!

D: Ich habe gelesen, dass in Stockholm die meisten Singles der Welt leben. Gut für uns! Allerdings weiß ich nicht, ob das stimmt. Aber die Sache ist die: Unsere Generation hat in unserer Kultur einfach so viele Möglichkeiten, dass jeder seinen Traum verwirklichen will, bevor man ruhiger und sesshaft wird. Und es ist wirklich schwer, seine Träume zu verwirklichen. Also wartet man auf diesen Moment, an dem man sagt: Jetzt kann ich endlich sesshaft werden.

Um auf eure Musik zurückzukommen: Braucht man in Schweden Musik, die fröhlich und up-beat ist, um über die langen Winter zu kommen?

D: Aus dem Norden Schweden kommt sehr viel düstere Musik, das würde also diese Theorie widerlegen. Also, ich glaube nicht.
J: Ich denke, wir brauchen beides. Aber ich glaube, so ist das auf der ganzen Welt: Wenn man traurig ist, will man sich auch oft traurige Musik anhören.

Eure Musik ist ziemlich eklektisch, vermischt also verschiedene Stilrichtungen. Das scheint mittlerweile ein Trend zu werden: Bands die sich nicht auf eine Musikrichtung festlegen, sondern Elemente aus verschiedenen Stilrichtungen verbinden.

D: Heute ist alles möglich: Man kann Musik aus den 80ern oder 70ern machen oder aus den 90ern. Alles geht.
J: Und das ist wirklich toll. Unsere erste Platte ist ein typisches Debütalbum, wo sich ein Lied nach Pop anhört, ein anderes eher nach Punk oder Elektro. Als wir unser zweites Album aufnehmen wollten, wussten wir nicht, in welche Richtung wir gehen sollten, wollten uns aber zuerst auf eine festlegen. Das hat aber überhaupt keinen Spaß gemacht. Deshalb ist es eigentlich noch abwechslungsreicher geworden als das erste. Der Stil von Friska Viljor ist, dass wir keinem Genre angehören. Es wäre auch zu langweilig, sich musikalisch nur in einem Genre zu bewegen.

Der Titel „Tour De Hearts" impliziert, dass die Hoffung zu euch zurückgekehrt ist. Ist das so?

J: Ja, ich denke für uns beide ist das Leben jetzt besser als zur Zeit des ersten Albums vor eineinhalb Jahren.
D: Ich glaube, ein Grund dafür ist auch, dass wir die Möglichkeit haben, raus zu gehen und zu spielen.

Also war das erste Album und die Tatsache, dass ihr angefangen habt Musik zu machen, im Grunde wie eine Therapie.

D: Ja, das war es tatsächlich. Sowohl die Aufnahmen, als auch die Live-Auftritte.


Als die Jungs dann mit ihrer Band, die größtenteils aus Mitgliedern der Vorgruppe Stompin' Souls aufgebaut ist, auf der Bühne stehen, bestätigen sie das, was sie gesagt haben. Der Drive und Enthusiasmus, den sie an den Tag legen, zeigt, dass sie für diesen Moment, in dem sie ihre Musik live einem Publikum präsentieren, leben. Ein Dauergrinsen und der ständige Kontakt mit den Fans zeigen, dass die Therapie zu wirken scheint. Keiner hört auf die teils deprimierenden Texte, sondern lässt sich einfach von den antreibenden und aufputschenden Melodien mitreißen und vergisst dabei, dass er sich in dem kleinen, von dicht gedrängten Körpern überfüllten Venue fast zu Tode schwitzt.

Hoffen wir für die sympathischen Schweden, dass auch ihre Landsleute auf den Trichter kommen, dass ein langer Winter mit kurzen Tagen doch viel schneller vergeht und leichter zu ertragen ist, wenn man sich in einer lichtdurchfluteten und bunten Klangwelt verliert, die die gefühlte Temperatur um mindestens zwanzig Grad in die Höhe schnellen lässt. Dann kann Daniel sich auch wieder eine eigene Wohnung leisten.


http://www.friskaviljor.net/
http://www.myspace.com/friskaviljor

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