Brussels sounds, very tasty

Nicolas Morant und Edouard Gilbert, die von ihren Freunden auch Francis Boys genannt werden, versteigen sich in keine exaltierten Begrifflichkeiten, wenn es um ihr Album geht. Die Beiden, die sich selbst lieber Nikitch & Kuna Maze nennen, betiteln ihr erstes Album "Débuts" und das letzte Stück darauf "La fin". Manches kann so einfach sein.
Nikitch und Kuna kennen sich vom Jazz Konservatorium in Chambery. Da liegt es nah, dass "Débuts" zwischen Jazz und House sehr funky elektrisch groovt. Anklänge an broken beat, ein wenig UK Garage und Detroit House und immer wieder brasilianischer Jazzfunk.
Klar, dass die Chefs von Tru Thoughts aus Brighton auf die beiden Franzosen aufmerksam wurden und sie für "Débuts" unter Vertrag nahmen. An so etwas wie der ersten Single "Hey, this must be deep" kommt man nicht einfach vorbei. Ganz feiner Clubsound in broken beat Manier mit funkiger Basis und zudem eine Hommage an den Dichter und Musiker Gil Scott-Heron.
Nikitch und Kuna haben in in ihrem Proberaum, einen Steinwurf von Bruxelles-Midi, etwas Unwiderstehliches zusammen gemixt und "Débuts" zu einem starken Debüt gemacht.

www.nikitchkunamaze.bandcamp.com

Bleib zuhaus, fuzz mich nicht an!

Das ist keine Strandmusik, was Bikini Beach machen. Wer dazu einen lauwarmen Cocktail schlürfen möchte, dem wird das Glas aus der Hand fallen. Denn die Band aus Konstanz hat sich voll und ganz dem Andenken des Fuzz-Rock verschrieben. Es ist dieser schön verzerrte Gitarrensound, der das neue Album "Atoll" prägt, das am 11. September bei La Pochette Surprise erscheinen wird.
"Atoll" zeigt Keith Richards wo der Hammer hängt. Das "Atoll" ist so voller Riffs und Delays, dass Richards jetzt endlich besser in Rente geht. Wechselnde Leadvocals tragen ihren Teil dazu bei, dass Bikini Beach wahnsinnig vielseitig klingen. Deshalb machen die zwölf Stücke auf "Atoll" richtig Spaß und keine Gefangenen. Was die jetzt gerade erschienene Single "Stay at home" doch wohl beweist.
Dann jetzt in die Lederbadehose und ab zum Bikini Beach.

www.fuzzmehard.com

Kleine Archivkammermusik am Schreibtisch

sudan archives1Wer das Glück hatte, das Kölner Konzert von Sudan Archives im letzten November zu bestaunen, wie es sich zunächst ein wenig über die Zeit schleppte bis die junge Amerikanerin das Publikum mit ihrer Violine und Effektgeräten aus der Halle blies, darf sich einen zwölfminütigen Clip nun nicht entgehen lassen.
Das National Public Radio (NPR) in Washington D.C. hat mit Sudan Archives eines der coolen Tiny Desk Concerts veranstaltet - übrigens das letzte vorm Corona-Lockdown - und Sudan aka Miss Parks hat sich dafür etwas Besonderes einfallen lassen. Sie performte drei ihrer Songs mit Unterstützung eines kleinen Streicherensembles. Mit Bratsche, Cello und Geigen bekommen die sonst R'n'B gesteuerten Songs einen völlig neuen Touch, der irgendwo zwischen irischem Folk und afrikanischem Blues treibt.
Das ist schwer beeindruckender Soul vor Bücherregal mit desinfizierter Kaffeetasse und hier zu sehen.

www.sudanarchives.com

Foto: Alex Black

 

Everybody loves the jazz, oder?

Wer liebt nicht den Sonnenschein? Haben sich auch Adrian Younge und Ali Shaheed Muhammad gedacht, und vor zwei Jahren die Jazz-Legende Roy Ayers - den Schöpfer von "Everybody loves the sunshine" - in ihre Linear Labs Studios in Los Angeles eingeladen. Dabei entstand das jetzt erschienene Album "Roy Ayers Jazz is dead 002". Eine Remineszenz an das Lebenswerk des Jazz-Vibraphonisten Ayers. Younge und Muhammad haben Roy Ayers dafür acht Stücke auf den Leib geschrieben und niemand wird prüfen können, wie groß der Anteil von Roy Ayers daran tatsächlich war. Zumindest ist sein Vibraphon-Spiel bei Titeln wie "Solace" nicht zu überhören.
Davon abgesehen, ist das Album ein starkes Statement des Neo-Jazz und Neo-Soul in Retro-Manier. Manch einer wird sich an Ayers klassische Periode in den 70ern erinnert fühlen, andere werden das für völlig überhöht halten. Also für alle etwas dabei. Ein gekonntes Werk mit Facetten.

www.jazzisdead.co

Guck dich doch mal an!

Aus der Krise erwächst doch manch Spannendes. Das Wiener Duo Oehl konnte die Songs ihres im Januar erschienenen Debütalbums wegen des Kackvirus' nicht live unter die Leute bringen. Deshalb haben Ariel Oehl und Hjörtur Hjörleifsson zumindest die neuen Songs auf die Reise geschickt. Oehl-Fans sind aufgerufen, sich das Liederbuch des Albums "Über Nacht" auf der homepage der Band zu besorgen und ihre eigenen Versionen einzuspielen.

Parallel dazu haben sich bereits sieben befreundete Artists für das von Oehl "Im Spiegel" betitelte Cover-Projekt ins Zeug gelegt. Wie beispielsweise Culk mit einer rauen Version von "Tausend Formen". Die EP mit den Coverversionen der Profis wird am 31. Juli erscheinen. Und ihr macht euch jetzt mal schlau auf www.oehlmusic.com, wie das jetzt genau geht mit der Verson eures Lieblingsliedes von Oehl.

Go Nils, go!

Nach "Up" und "On" kommt nun "Go". Das neue Album des Trompeters Nils Wülker, welches er uns für Anfang September avisiert. War "On" deutlich HipHop-lastig, bietet der Münchner 2020 gepflegte Elektronik an. Wülker experimentiert mit Sounds und Synthies, Loops und Beats, die sein Trompetenspiel untermalen. Da beißt die Maus natürlich keinen Faden ab, dass die Trompete weiterhin im Mittelpunkt steht. Wie beispielsweise auf dem Stück "Blow up", für das der passionierte Bergsteiger und "Fachleiter für Hochtouren" des Deutschen Alpenvereins sage und schreibe 29 Trompetenspuren aufgenommen und zusammengebastelt hat.
Nils verspricht uns auf "Go" direkte und dynamische Trompetensounds, die maßgeblich von seinem zwischenzeitlichen Live-Album "Decade" inspiriert sind. Der erste Beweis dafür ist die dramatische Single "The you of now", bei der er eine Bassline einsetzt, die vom Klavier kommt. "Go" und den September kann man also mit Spannung erwarten.

www.nilswuelker.com

Dote - Unser neuer Schwarm

Viel zu selten kann unruhr Unruhestifter aus dem Revier vorstellen. Jetzt sind wir glücklicherweise auf Dote aus Essen aufmerksam geworden. Die vier Jungs haben sich völlig unspektakulär im Schulchor kennengelernt und bereits kurz nach der Bandgründung 2017 die EPs "North" und "Centre court" aufgenommen. Dote stehen für schöne Indie-Popsongs mit prägnanten Gitarren, einprägsamen Melodien und leichtem Retrocharme.
Auch das neueste Stück "Liar" haut in diese Kerbe. Ein bissiger Song über das vermutlich ergiebigste Popsongthema: Das Verlassenwerden. Aus dieser seltsamen Stimmung zwischen sterbensgleicher Traurigkeit und alkoholgeschwängerter Wut sind unzählige große Songs hervorgegangen. "Liar" setzt die Linie fort mit rumpelndem Bass, quengelnden Synthies, sägenden Gitarren und extremer Tanzbarkeit.

Damit haben es Dote nun bis nach Hamburg zu Chateau Lala geschafft und somit hoffentlich den Grundstein gelegt, unsere neue Pophoffnung aus dem Pott zu sein.

www.dotemusic.com

Tagträume in der Fischfabrik

Seit ihrem Debütalbum "Cage and aviary" gilt die Britin Bryony Jarman-Pinto als wichtige Vertreterin des modernen Jazz. Es ist daher kein Wunder, dass Bryony eine Einladung in die heiligen Hallen des Jazz bekam. In den Londoner Fish Factory Studios des italienischen Drummers Antonio Feola hat die begnadete Sängerin Tracks ihres Albums als Akustikversionen aufnehmen können."Die Fish Factory Sessions bedeuten echtes Live-Feeling, wie ein Gig, weniger wie Studiosessions", erklärt Jarman-Pinto zu den neuen Versionen.
"Day dream" wird dabei genial unterstützt von Alley Lloyd an der unwiderstehlichen Gitarre und von Vanessa Rani Chutturghoon an den akzentuierenden Congas. Das ist coole Jazz-Essenz. Percussions, rhythmische Gitarre und gekonnter Gesang. Da fehlt nichts. Es bleibt zu hoffen, dass "Day dream" lediglich der Auftakt weiterer wundervoller Bearbeitungen von Bryonys Songs ist. Ich glaube, die Chancen dafür stehen gut...

www.bryonyjarmanpinto.com

Punk mit Zitrone

Bands, die es hinkriegen, nach Keller zu klingen, sind erfrischend wie Zitronen. Leopard aus Berlin scheint in diese Kategorie zu gehören. Mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug sind sie ganz weit entfernt von überproduzierten Songmonstern. Leopard klingt nach Punk und Rock'n'Roll, besinnt sich auf das Wesentliche und ist schön dreckig in der Tonbauererei Berlin abgemischt.
So wie das klingt, verbringen die Jungs von Leopard ihre Abende nicht mit Zitronensaft.  Oder kann man Zitronen auch rauchen?
"Zitrone" ist die erste Single von Leopard und der Vorbote für die Debüt-EP "Mysterium", die am 12. Juni veröffentlicht wird. Schon mal rot anstreichen im Kalender!

www.instagram.com/leopardmusik

Blitz, Donner, kiffen und traurige Lieder

blinker blitz coverDie Blitz-EP von Blinker ist seit wenigen Tagen auf dem Markt und bestätigt, was unruhr bereits im Februar konstatierte: Blinker macht gediegene Popmusik, die musikalisch und textlich alles Wesentliche auf den Punkt bringt. Urbane Musik zwischen Party und Nachdenklichkeit mit reflektierten Texten, die Traurigkeit mit Drogenkonsum in richtigen, selbstverantwortlichen Dosen verbindet. Blinker-Songs holen dich immer genau da ab, wo du gerade ziemlich doof und ratlos rumstehst und bringen dich zurück ins Leben.
Zur Veröffentlichung gab es einen der Virenkrise geschuldeten Live-Stream in einer ähnlichen Länge wie die neue EP. Ein Viertelstündchen beste Qualität. Eine sehr gesunde Verabreichung an Gitarre, Bass, Schlagzeug und gebrauchsfertiger Alltagslyrik. Undedingt bemerken!

www.instagram.com/blinkermusik

Schlichter Prachtpop von Goss

Popmusik kann manchmal so unsagbar langweilig sein, so fürchterlich uninspiriert, so billige Meterware. Aber jetzt kommt jemand, der sich Goss nennt und offensichtlich für jeden seiner Songs eine gute Idee hat. Damit fiel der Däne vor drei Jahren bereits einigen Blitzmerkern auf, als er die Debüt-EP "Healthcare" veröffentlichte. Da wurde bereits deutlich, dass Goss ein Gespür für Sound hat und damit seinen Pop prächtig aufpeppt. Unser nördlicher Nachbar fischt bei jedem Song etwas Besonderes aus der großen Mottenkiste der Populärmusik.
Genau wie bei den dazugehörigen Videoclips, die nie unter mangelndem Einfallsreichtum leiden. Und wenn es nur die größte dänische Sammlung an Secondhand-Anzügen ist.
Aktuell präsentiert Goss die aktuelle Single "Country boy" und macht nahtlos dort weiter, wo er mit "Healthcare" vorläufig endete. Es ist weiterhin Pop mit Stil, der sehr schön mit dem unprätentiösen Auftritt des Dänen kontrastiert. Und wenn das so bleibt, dann dauert es nicht lang bis jedermann darüber redet.

www.instagram.com/gossgossgossgossgoss

Ja ja, alles gut. Ich weiß.

Geht euch das auch fürchterlich auf die Nerven, wenn Berufsoptimisten euch in schweren Lebenslagen aufmunternd zurufen: Alles wird gut!? Aber Sophie Hunger kann man so richtig nichts übelnehmen. Deswegen war die Freude groß als die Schweizerin gestern ein Appetithäppchen ihres kommenden Albums servierte.
Denn auch wenn der Track "Everything is good" heißt, ist es die erste freudige Überraschung aus dem langerwarteten siebten Album "Halluzinationen", welches Ende August bei Caroline International erscheinen wird. Sophie bleibt mit damit dem Weg treu, den sie mit dem Vorgänger "Molecules" einschlug.
"Halluzinationen" ist wie das 2018er Werk elektronisch und englisch. Und jetzt kommt die erste Single sogar noch eingängig poppig und fast leicht verdaulich rüber. Aber Sophie Hunger hat gar kein Problem mit Pop. Für sie ist alles Pop, was nicht Klassik oder Jazz ist.
Möglicherweise rührt der neue Pop-Appeal von den Aufnahmesessions in den Londoner Abbey Road Studios, wo alle Songs von "Halluzinationen" unter der Regie von Dan Carey in einem Take eingespielt wurden.
Jetzt also kein Naserümpfen und Brauenhochziehen, sondern wertfrei das neue Material der Wahlberlinerin genießen.

www.sophiehunger.com