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Shitdisco: „Um Aufmerksamkeit in den Medien zu bekommen, muss man sich verkaufen“

Tom Straughn und Joe ReevesSie sind eine Chaotentruppe: Joel Stone (Gesang, Bass, Gitarre), Joe Reeves (dito), Tom Straughn (Keyboard) und Darren Cullen (Drums) aka Shitdisco. Das hört man aus ihren Liedern heraus und merkt man schnell, wenn man ihnen gegenübersitzt. Und sie scheinen sich gerne mit ihresgleichen zu umgeben, denn in dem kleinen Backstageraum drängen sich acht Leute um den Couchtisch, der einem expressionistischen Stillleben gleicht, fläzen sich auf den versifften Sofas oder spachteln genüsslich ein Nudelgericht (das im Übrigen genauso chaotisch wirkt wie alles andere in diesem Zimmer), um sich vor der langen Disco-Nacht eine angemessene Grundlage zu verschaffen.

Und lang wird diese Nacht auf jeden Fall, denn die Levi's Electric Disco Tour beginnt erst kurz vor Mitternacht mit dem Auftritt der Jungs aus Glasgow, denen dann noch MSTRKRAFT, ein kanadisches Electro-House-Projekt, das für seine langen DJ-Sets bekannt ist und Punks Jump Up, eine schwedisch englische Elektro-Punk-Kombo folgen werden.   

Chaotisches StilllebenSolche Schlaf raubenden Musiksessions haben bei der Truppe bereits ihre Spuren hinterlassen, dennoch sind alle in bester Stimmung und ziehen - einen Tag vor Ende der Tour - eine sehr positive Bilanz: „Das Publikum war jeden Abend fantastisch!" Das will schon etwas heißen, denn die vier Schotten haben sehr umfangreiche Partyerfahrung. In ihrer Heimatstadt Glasgow haben sie mit illegalen Guerilla-Parties den Grundstein für ihr heutiges Banddasein gelegt. In dem Haus, das Drummer Darren bewohnte, veranstalteten sie regelmäßig Dance-, Punk- und Disco-Parties und nach dem unvermeidlichen Rausschmiss durch den Vermieter ging es damit in der Kanalisation, Eisenbahntunneln oder auf dem Raststreifen an der Autobahn weiter. Was war denn bisher die abgefahrenste Location? Das sei eine seit 80 oder 90 Jahren stillgelegte U-Bahnstation in Glasgow gewesen, weiß Darren zu berichten. Und die Beste?
Darren: Das war wahrscheinlich die Beste, aber auf dieser Tour hatten wir auch schon ein paar gute Gigs.
Joel: In Japan zu spielen war unglaublich! Da haben wir unsere größte Fanbase.

Von Glasgow in die weite Welt! Das haben ihnen andere Jungs aus dieser Stadt bereits vorgemacht: Franz Ferdinand. Doch die beiden Bands verbindet nicht allein die Homebase, sondern auch die Ausbildung: Wie der Bassist der Erzherzöge besuchten die Mitglieder von Shitdisco die Glasgow School of Art, wo sie sich kennen lernten. Die Frage, ob ihnen Bob Hardy ab und an über den Weg gelaufen sei, bejaht Darren. Außerdem seien sie mit den Kollegen befreundet und einer ihrer besten Kumpel sei so etwas wie der fünfte Franz Ferdinand: „Er spielt bei Live-Gigs das Keyboard. Steht aber immer nur an der Seite, nie im Scheinwerferlicht. Wahrscheinlich, weil er so gut aussieht und sonst den anderen die Show stehlen würde!"

Ähnlichkeiten in der Musik blitzen bei manchen Songs der Kunststudenten ebenfalls durch. So erinnert der Gesangspart in „OK" verdächtig an Alex Kapranos, was durchaus beabsichtigt ist. Doch als Inspirationsquelle in musikalischem Sinne dient die derzeit bekanntere Band nicht.

Joe: Wir sind in dem Sinne von ihnen inspiriert, dass sie es geschafft haben, international erfolgreich zu werden. Wir sind zwar ähnliche Bands und haben viele gemeinsame Interessen und ähnliche Einflüsse, gehen aber in sehr verschiedene Richtungen.

Der künstlerische Einfluss, der sich bei Franz Ferdinand besonders durch ihre expressionistischen Musikvideos und Bühnengestaltung äußert, ist bei Shitdisco unter anderem auf dem Plattencover ihres Erstlings „Kingdom Of Fear" zu finden. Es zeigt verschiedenfarbige Leuchtstoffröhren, die wie Mikadostäbchen verteilt im Raum schweben. Spontan erinnert es an das Werk des amerikanischen Künstlers Dan Flavin, der fast ausschließlich solche handelsüblichen Leuchtstoffröhren für seine Lichtinstallationen verwendete. Zufall oder Absicht?

Joel Stone und Darren CullenJoel: Eher Zufall. Es ist aus einer Werbung und gefiel uns, weil „Kingdom Of Fear" praktisch aus billigen Neonlichtern besteht.
Joe: Es gibt ein Buch von einem Engländer, Stephen Barber, in dem er sagt, dass alle europäischen Städte sich immer mehr angleichen und alles aus Neonlichtern aufgebaut ist. Das hatten wir im Hinterkopf, als wir das Cover entwarfen.

Der Titel des Albums „Kingdom Of Fear" ist ebenfalls von einem Buch inspiriert:  Der gleichnamige autobiographische Roman des amerikanischen Schriftstellers und Reportage-Journalisten Hunter S. Thompson (auf den sich auch Eight Legs in unserem erst kürzlich geführten unruhr-Interview beziehen) behandelt unter anderem das Aufbegehren gegen das Establishment. Joe wirft sofort ein, das täten ihre Lieder auch. Privat haben die Jungs ja durch ihre Guerilla-Parties einige Übung darin, und ein kürzlich von Joe abgegebenes Statement, dass sie Ecstasy gerne über dem mittleren Osten abwerfen und dann mit den glücklichen Kriegsparteien eine riesige Rave-Party feiern würden, lässt vermuten, dass sie auch politisch nicht vollkommen uninteressiert sind. Doch manche Dinge sollte man nicht überinterpretieren.

Joel: Wir wollen nur einen guten Platz haben, wenn der Shitstorm losgeht, und eine gute Sicht auf alles haben.
Joe: Wir wollen einfach so viel Spaß wie möglich haben, in der Zeit, die uns bleibt.

Drauf stimmt Joel das Lied „Five Years" von David Bowie an. Aha, Fatalismus ist das Motto. Auch was das Aufbegehren gegen ein anderes Establishment angeht: das Musik-Business.

Joe: Wenn wir alle Millionäre wären, könnten wir das. Also müssen wir innerhalb von gewissen Grenzen mitspielen. Einiges kann man einfach nicht ohne die Unterstützung einer Plattenfirma machen, ob es einem gefällt oder nicht.
Joel: Außer man will lieber seine ganze Zeit damit verbringen zu Labels zu laufen und sich mit Verträgen zu beschäftigen, als Musik zu machen. Also muss man ein gewisses Maß an Kontrolle abgeben. So funktioniert das eben.
Joe: Man muss Kompromisse eingehen. Auch wenn man revoltiert, wird man irgendwann vom System vereinnahmt, umgeformt und verkauft. Dagegen kann man nicht viel tun.

Aber viele Bands heutzutage tendieren dazu, bei kleinen Indie-Labels zu unterzeichnen oder gründen ihre eigenen Plattenfirmen. Das beste Beispiel hierfür sind The Futureheads mit denen wir uns neulich in einem Interview erst über die Gründung ihres eigenen Labels Nul Records und die ausschließlich profitorientierte Verhaltensweise der großen Plattenfirmen unterhalten haben.

Joe: Wir haben großen Respekt vor ihnen, und sie waren auch eine Inspirationsquelle für uns als wir angefangen haben.
Joel: Ihnen ist wirklich schlimm mitgespielt worden.
Darren: Ja, die sind richtig verarscht worden. Deswegen waren sie quasi gezwungen, das zu tun. Wir sind zum Glück in einer Position, in der wir uns nur um das Schreiben der Lieder kümmern müssen und nicht darum, wie sie vermarktet werden.
Joe: Es ist schon beachtlich wie die Jungs das gemacht haben mit ihrem eigenen Label, aber wenn sie vorher nicht schon so bekannt gewesen wären, hätte das nicht funktioniert. Man braucht Geld, um einen kreativen Impuls zu schaffen, die Publicity für die Musik zu bezahlen. Deswegen können wir das nicht.

Trotzdem wollen sie sich nicht kategorisieren lassen, um ihre Musik besser zu verkaufen. Auf das Subgenre „New Rave" unter dem sie neben Bands wie Klaxons, New Young Pony Club, Simian Mobile Disco oder Datarock gemeinhin geführt werden, reagieren sie eher allergisch. Deswegen nennen sie selbst ihre Musik auf ihrer MySpace-Seite scherzeshalber „Idol-Pop". „New Rave" ist für sie ein aus rein kommerziellen Motiven generierter Ausdruck

Tom Straughn und Joe ReevesJoe: Es hat vielen Leuten viel Geld eingebracht. Oder wenigen Leuten viel Geld. (lacht)
Joel: Es war auch viel Arbeit, in China all die Menschen diese neonfarbenen Klamotten herstellen zu lassen. War gut für die Wirtschaft.
Joe: Sie wollen alle Arten von Kreativität wie Mode und Musik zu einem kleinen Paket zusammenschnüren.

So war es ja auch schon bei „Emo".

Joe: Ja, man hat den Livestyle, die Musik und die Mode.

Wie Joel darauf so richtig einwirft, kann man einen Lifestyle nicht kaufen. Aber verkaufen, indem man selbst zur Marke wird. Doch das liegt den Electro-Punks fern. Sie finden es schon so verwirrend genug mit all den Marken, die es gibt. Das Problem sei jedoch, dass Menschen Dinge nicht annähmen, die keine Marken sind. Wenn man als Band nicht heraus stäche, nähmen die Leute seine Musik und Texte nicht auf. Man müsse ein Rahmenwerk schaffen, um den Leuten zu zeigen, wie sie dich zu nehmen haben.

Joel: So ist es auch mit „New Rave": Leute haben ihre eigenen T-Shirts gestaltet, es war  sehr originell, bis es vom Mainstream absorbiert wurde und in die Pop-Charts eingestiegen ist. Das ist aus „New Rave" jetzt geworden. Leider. Es gab eine Zeitspanne von etwa sechs Monaten oder weniger, in der es etwas Neues und Aufregendes war, bevor es von den falschen Leuten vereinnahmt wurde.
Joe: „New Rave" ist ein Begriff, der erfunden wurde, um Platten zu verkaufen. Es gab eine Zeit der wirklichen Kreativität, eine illegale Partyszene. Was wir machen, ist Club Music mit einem Streben zum Punk.

Sie sehen sich also nicht als Nachfahren der Rave-Bewegung?

Joe: Nein. Als wir aufgewachsen sind, gab es gerade die zweite Generation des Rave, Bands wie The Prodigy, The Chemical Brothers und N-Trance. All diese Charts-Bands mit DJs und Tänzern hatten Hits in den UK Charts und auch international. Damit sind wir aufgewachsen. Das war die Musik, die ich mir als Kind angehört habe - nach Michael Jackson. Aber wir sind keine wirklichen Nachfahren von ihnen.

Da wir schon beim Thema „Marken" waren: Auf der „Levi's Electric Disco Tour" dabei zu sein, bedeutet ja im Grunde, Werbung für diese Marke zu machen. Hier gilt Joels Meinung nach dasselbe wie im Umgang mit den großen Plattenfirmen: Um Aufmerksamkeit in den Medien zu bekommen, muss man sich verkaufen.

Joe: Es ist wie ein „Schwimm-oder-geh-unter"-Debakel. Um das zu tun, was wir tun, müssen wir von großen Firmen unterstützt werden, sonst könnten wir nicht unsere gesamte Zeit der Musik widmen. Wir hätten nicht solchen Spaß dran oder würden noch auf der Kunstschule rumhängen.
Joel: Wenn wir damit helfen, ein paar Jeans mehr zu verkaufen, ist das schon okay.
Joe: Wahrscheinlich machen die durch uns eher Verluste. (lacht)

Aber würden sie es für jede Marke tun?

Darren CullenDarren: Wenn es nicht gerade was mir der Army zu tun hat...

Dafür sind sie dann doch zu anarchistisch, was sie auf der Bühne erneut unter Beweis stellen. Beim ausverkauften Konzert werden die Musiker visuell von zwei Videoprojektionen, über die - hinter der in einer Ecke des Raums situierten Bühne - psychedelische, farbintensive Muster, Songtitel (wie „OK") und Aufforderungen ans Publikum („louder") flackern. Doch außer auf die ersten beiden Reihen scheint der verrückte Funke nicht überzuspringen. Joel tut sein Bestes, die Menge zur Raserei zu treiben, z. B. indem er beim Bassspiel seine Finger kurzerhand durch seine Zähne ersetzt und sich sein T-Shirt mit der dem Motto der Tour gemäßen Aufschrift „Sticks Like Disco" vom schmalen Oberkörper entfernt („gerissen" wäre hier sicher aufregender, jedoch nicht der Wahrheit entsprechend; hätte er es getan, hätte die Menge vielleicht doch noch mehr Enthusiasmus gezeigt).

Für den (skurrilen) Höhepunkt der Show sorgte dann nicht die Band, sondern zwei Mädels, die im uniformen Indie-Outfit die Bühne stürmten, abgingen als gäbe es kein Morgen (wo wir doch noch ganze „Five Years" haben) und mit den Jungs ins Mikro grölten. Es lebe das Chaos!

http://www.shitdisco.co.uk/
http://www.myspace.com/shitdisco

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