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The Futureheads: „In zehn Jahren wird es keine großen Labels mehr geben“

ImageIm ersten Jahr des neuen Millenniums gründete sich im englischen Sunderland eine Band mit dem zum Jahrtausendwechsel passenden Namen The Futureheads. 2004 veröffentlichte sie ihr selbstbetiteltes Debütalbum und die Zukunft schien ihr zu gehören. Sie tourte mit solch namhaften Kollegen wie Franz Ferdinand, Bloc Party, Kaiser Chiefs und The Killers und schien sich schnell in der Riege der neuen britischen Indie-Bands etabliert zu haben.

Zwei Jahre später sah es dann nicht mehr so rosig aus: Ihr zweites Album „News And Tributes" wurde sowohl von den Kritikern als auch vom Publikum mit merklich weniger Enthusiasmus aufgenommen als der Erstling. Die Zukunft schien Vergangenheit zu sein und - wie Bandmitglied Ross Millard vor Kurzem verlauten ließ - fast auch die Band selbst.

Doch das sympathische Quartett bestehend aus den Brüdern Barry (Gesang, Gitarre) und Dave Hyde (Drums), Ross Millard (Gitarre) und David „Jaff" Craig (Bass) raufte sich glücklicherweise zusammen und ist dieses Jahr (nach dem obligatorischen Abstand von zwei Jahren) mit einem neuen Versuch zurück, der - hört man sich die darauf vertretenen Songs „Beginning Of The Twist" und „Broke Up The Time" an - doch auf Anhieb wesentlich Erfolg versprechender daherkommt als sein Vorgänger. Tanzbare, power-poppige Songs mit Ohrwurmpotential. „This Is Not The World" wurde in Rekordzeit im sonnigen Andalusien aufgenommen und ist ab dem 26. Mai 2008 in den Plattenläden der Nation zu erstehen.

Dave HydeDave Hyde gab bei uns im Rahmen der Visions Spring Tour, bei der die Band mit den Kollegen von The Rifles und Die Mannequin in Deutschland unterwegs waren, sein Interviewdebüt, dass er bravourös meisterte. Er plauderte sehr offenherzig und gut gelaunt über ausbeutende Plattenfirmen, triste Studios und alptraumhafte Aufnahmeprozesse.


Weil ihr gerade auf der Visions Spring Tour unterwegs seid: Weckt der Frühling eure Kreativität mehr als die anderen Jahreszeiten, fühlt ihr euch inspirierter?

Nicht wirklich. Aber ich schreibe auch keine Lieder.

Aber vielleicht die anderen Jungs in der Band? Wie ist denn so eure Stimmung im Moment?

Sehr gut! Wir hatten gerade erst einen Top-20-Hit in Großbritannien und haben unser eigenes Label gegründet. Wir sind recht stark zurückgekommen, nachdem wir ein Jahr Pause hatten, in dem wir nichts anderes getan haben als zu schreiben. Bisher läuft es ziemlich gut.

Was sind deine musikalischen Visionen?

Visionen? Ich weiß nicht genau, schwere Frage.

Was bringt dich dazu, Musik zu machen?

Gigs zu spielen.

Das ist für dich das Beste daran?

Für mich persönlich ja. Gigs zu spielen ist der beste Teil des Jobs. Und jedes Mal diesen Adrenalinstoß zu bekommen. Live-Musik zu spielen ist wie eine Droge, von der man süchtig wird. Wenn man für Leute spielt, besonders für Fremde, wird es zu einer Herausforderung sie von deiner Musik zu überzeugen und dazu zu bringen, das nächste Mal wieder zu kommen. Ja, ich mache es definitiv wegen des Live-Erlebnisses und nicht wegen der Studioaufnahmen. Die können manchmal ein ziemlicher Alptraum sein.

Die Studioaufnahmen sind eher Arbeit und live zu spielen ist der Spaß-Teil?

Ja, genau. Für mich ist es recht leicht: Ich bin der Drummer, also komme ich einfach und bekomme gesagt, was ich spielen muss. Ich schreibe nicht allzu viel selbst.

Barry HydeBei Live-Auftritten hängt ja viel vom Publikum ab. Ich kenne das vom Schauspiel: Wenn das Publikum nicht so reagiert, wie man es als Schauspieler erwartet, z.B. nicht an den richtigen Stellen lacht und generell wenig Feedback gibt, dann wird man selbst schlechter als an Tagen, an denen alles stimmt. Zumindest hat man das Gefühl. Welche Rolle spielt das Publikum bei euch?

Wir sind eine Band, für die das Feedback vom Publikum eine sehr große Rolle spielt. Wir bringen es dazu mitzusingen, sagen ihm, was der Refrain ist, damit es mitsingen kann und hoffen einfach, dass es das macht. Wenn nichts zurückkommt, wird es richtig schwer. Wenn die Leute nur dastehen und warten, bis die nächste Band kommt, wünschst du dir, zuhause in deinem Bett zu liegen.

Beeinflusst auf der anderen Seite auch eure Stimmung wie die Show läuft? Ich war z.B. diese Woche auf zwei Konzerten, die komplett unterschiedlich abgelaufen sind. The Hives waren der Wahnsinn: total energiegeladen, ständige Interaktion mit dem Publikum, und man hat einfach gemerkt, dass sie absolut Spaß hatten. We Are Scientists dagegen haben kaum mit dem Publikum oder mit einander kommuniziert und ihre Lieder einfach nur runtergespielt.

Vielleicht hatten sie vor der Show einen Streit. Manchmal kann es wirklich an so etwas Kleinem liegen.

Man kann dann auch nicht einfach seine Gefühle ausschalten, oder?

Wenn man kurz vor der Show mit einem anderen Bandmitglied einen Streit hat, dann ist es verdammt schwierig, das hinter sich zu lassen. Auf der Bühne muss man zusammenspielen, und es muss eine Verbindung bestehen. Wenn es keine gibt, kann es ein echter Alptraum sein. Vielleicht ist das aber auch so ein amerikanisches Ding. Ich habe einige amerikanische Bands gesehen, und die haben fast alle einfach ihr Publikum ignoriert. „Wir sind einfach zu cool für euch!" Aber die Leute im Publikum bezahlen eure Miete. Gebt ihnen ein bisschen Aufmerksamkeit! Es geht hier um die Musik und darum, die Leute mit einzubeziehen, nicht darum, arrogant zu sein. Wenn du sie nicht einbeziehst, kommen sie das nächste Mal nicht wieder.

Das hat ja auch was mit Professionalität zu tun.

Ja, eben. Wenn wir vorm Konzert einen Streit haben, legen wir alles daran, dass das Konzert trotzdem gut ist und versuchen es beiseite zu schieben.

Barry Ross und Ross MillardAber das passiert bei euch sowieso nicht oft, oder?

Ehm...

Oh, okay, ich werde auch nicht weiter drauf eingehen. „This Is Not The World" ist ja euer drittes Album. Man sagt, das Dritte sei das „Make-or-Break"-Album, also entweder ist es gut und man bleibt an der Spitze und gewinnt noch mehr Fans oder es ist schlecht, und das war's dann. Das im Hinterkopf: Was denkst du über euer drittes Album?

Ich glaube, es wird sehr gut laufen. Unsere zweite Platte war ein bisschen ein Alptraum. Irgendwie haben wir unser fünftes Album zu unserem zweiten gemacht oder so. Es war eigenartig. Nach dem Erfolg unseres ersten Albums sind wir fast zwei Jahre auf Tour gewesen und danach ohne eine Pause zu machen direkt wieder ins Studio gegangen. Das Label, bei dem wir damals waren, Warner Music, hat nicht nach irgendwelchen Demos gefragt, sie meinten nur: „Nehmt ein Album auf, das wird schon klar gehen."

Haben sie euch gepusht, so schnell mit den Aufnahmen für ein neues Album zu beginnen?

Nein, aber Warner ist ein furchtbares Label. Auf jeder Ebene. Sie kümmern sich nur um Bands, wenn sie erfolgreich sind. Sie wissen nicht, was sie mit Bands machen sollen, die erst auf dem Weg dahin sind. Sie geben dir eine Menge Geld, das du am Ende zurückzahlen musst. Wir hatten Glück. Wir haben ihnen viel Geld geschuldet, und unser großartiger Manager, hat es geschafft, uns aus der Sache rauszubekommen. Wir schulden ihnen nichts. Aber sie wissen wirklich nicht, was sie tun und bauen nur Mist. Innerhalb von zehn Jahren wird es sie nicht mehr geben.

Das hat Billy Bragg gesagt, als ich ihn mal getroffen habe: Für die Labels ist eine Band, die sich millionenfach verkauft, interessanter, als tausend Bands, die sich nur einigermaßen gut verkaufen.

Das interessiert sie nicht. Aber das ist ein Auslaufmodell. Sie beuten zu viele Menschen aus, selbst die großen Bands. Wir sind so froh da raus zu sein. Jetzt können wir hingehen, wohin wir wollen, die Interviews geben, die wir geben wollen, und anziehen wie wir wollen. All diese kleinen Sachen. Wir können nächste Woche nach Frankreich gehen, wenn wir wollen oder zurück nach Deutschland kommen. Sie ließen uns nämlich nicht nach Deutschland kommen.

Denkst du, dass der Trend dahin geht, dass Bands ihr eigenes Ding durchziehen, wie ihr das tut, sprich ein eigenes Label gründen und sich selbst um Vertrieb und Marketing kümmern?

Ja, und es ist so einfach! Wegen des Internets braucht man keine Labels mehr.

Auf euren drei Alben hab ihr jeweils mit einem anderen Produzenten zusammengearbeitet. Wir sehr beeinflusst ein Produzent die Arbeit einer Band?

Es kommt drauf an inwiefern man will, wie groß ihr Einfluss ist. Bei unserem ersten Album hatten wir alle Songs schon fertig. Paul Epworth, der es produziert hat, hat es nicht wirklich produziert. Er hat an der Akustik mitgearbeitet, am Sound, aber die Songs waren schon vorhanden, und er hat sie nicht angefasst. Bei unserem zweiten Album war die Produzentenrolle etwas mehr ausgebaut. Ben (Hillier, Anm.) schlug einige Sachen vor. Und jetzt beim dritten Album, bei dem wir mit Youth zusammengearbeitet haben, war es so, dass er nach Sunderland gekommen ist, wo wir wohnen, sich die Songs angehört und z.B. Teile vertauscht hat oder meinte dies oder das sei ein guter Refrain. Behaltet das, benutzt hier am Ende einen anderen Refrain. Er hat es viel mehr strukturiert. Es hat sehr gut funktioniert. Er ist ein sehr guter Produzent und sehr relaxt. Es war angenehm mit ihm zu arbeiten, und er hatte viel mit der Entstehung dieses dritten Albums zu tun. Ich ziehe wirklich meinen Hut vor ihm.

Ihr habt es in Spanien aufgenommen, richtig? Hat das die Lieder beeinflusst: das sonnige Spanien gegenüber dem regnerischen England?

Das hat es wirklich! Das zweite Album haben wir in England auf dem Land aufgenommen. Es gab noch nicht mal einen Pub in der Nähe. Es war grau, nass, regnerisch und trist. Sehr schön, aber auch sehr trist. Dadurch wurde es ein ziemlich dunkles Album. Als wir das Dritte aufgenommen haben, war es einfach wunderschön.

Ross MillardDas hab ich mir gedacht. Ich kenne bisher zwar nur zwei der neuen Lieder, aber sie hören sich viel energiegeladener und fröhlicher an, als die letzten.

Wegen des Wetters und der wunderschönen Umgebung hatten wir gar keine Zeit, niedergeschlagen zu sein. Es war die ganze Zeit sonnig, und wir waren glücklich. Das transportiert sich in den Liedern. Alle Songs auf dem Album sind up-beat und haben schöne Melodien. Wir hatten überhaupt keine deprimierenden Gedanken und haben uns sehr wohl gefühlt.

Wie ist es denn dann, wenn man in London aufnimmt? Auf der einen Seite ist es dort ja auch oft regnerisch und recht dunkel, auf der anderen Seite gibt es dort auch so viel Leben und Aktivität.

In den meisten Studios in London gibt es kein Tageslicht, weil sie unterirdisch sind. Also auch sehr trist. Ich glaube nicht, dass wir je wieder ein Album in London aufnehmen.

Und was ist mit den Abbey Road Studios? Ist das nicht der Traum eines jeden Musikers, dort mal aufzunehmen?

(lacht) Bei den Abbey Road Studios würden wir sicher nicht nein sagen.

Was gefällt dir an eurem neuen Album am besten?

Dass es tanzbar ist. Es ist ein fröhliches Album. Das ist genau das, was wir an diesem Punkt in unserem Leben brauchten. Aber für mich sind die Erinnerungen an den Entstehungsprozess, die Aufnahmen das Beste daran. Und es ist für mich so einfach, die Songs live zu spielen, weil sie so direkt sind.

Unterscheiden sie sich sehr von den älteren?

Nicht sehr, aber sie sind weniger frickelig. Viele Leute sagen, es erinnere an unser erstes Album, was sehr gut ist, denn das ist ziemlich gut gelaufen.

Hast du ein Lieblingslied vom neuen Album?

Ich glaube, das ist „Beginning Of The Twist".  Darauf sind wir auch sehr stolz.

Irgendeine Lieblingszeile?

Lieblingszeile? Ich kenne die Texte nicht mal. Ich bin der Dummer! (lacht) Keine Ahnung worüber die schreiben.

Da ihr euer eigenes Label gegründet habt: Wie wichtig ist euch eure Unabhängigkeit in beruflicher Hinsicht?

Wir werden davon sehr profitieren. Es kommt alles von uns. Okay, wir müssen für die Tour zahlen, aber es kann trotzdem profitabel sein. Kommt natürlich drauf an wie es läuft. Aber abgesehen vom Geld können wir entscheiden, was wir tun und wohin wir gehen. Jede Band würde davon träumen.

Demnächst spielt ihr eine Show mit Muse.

Ja, Muse haben uns gefragt, ob wir sie bei einem Wohltätigkeitskonzert in der Royal Albert Hall unterstützen. Und natürlich haben wir zugesagt. Das wird sicher toll.

Kennt ihr die Jungs schon länger oder warum haben sie euch gefragt?

Ich weiß es nicht. Wir haben sie vorher nie getroffen. Wir sind Fans und haben großen Respekt vor ihnen. Sie sind eine dieser Bands, die sehr hart dafür gearbeitet haben, dahin zu kommen, wo sie jetzt sind. Jetzt sind sie riesig.

Ich habe gelesen, dass ein Label sie wegen Matthew Bellamys hoher Stimme nicht mehr unter Vertrag haben wollte. Ziemlich dumm.

Ja, ziemlich. Er ist auch so ein guter Gitarrist. Ich habe gehört, dass er unter der Bühne einen Verstärker anbringen lässt und nur dadurch, dass er die Position wechselt, diese Feedbacks und so erzeugt.

Barry und Dave HydeEr entwirft ja auch seine eigenen Gitarren. Er hat einmal gesagt, dass, wenn man etwas Außergewöhnliches will, es selbst erschaffen muss. Wenn er z. B. eine „Gibson Sunburst"-Gitarre in die Hand nimmt kämen automatisch diese Hendrix-Riffs aus ihr raus. Es sei, als ob die Geister derjenigen Musiker, die ein bestimmtes Instrument berühmt gemacht haben, diesem innewohnen.

Ja, er ist wirklich ein großartiger Gitarrist, und wir sind sehr froh darüber, dass sie uns gefragt haben, mit ihnen zu spielen.

Gab es, als du jung warst, für dich eine Band, bei der du gemerkt hast, dass sie etwas ganz Besonderes hat?

Für mich war das The Velvet Underground. Bei ihrem ersten Album habe ich gedacht: „Was ist das für ein Sound?" Für ein junges Kind - ich war ungefähr neun - war das schon eigenartig. Ich hatte so etwas vorher noch nie gehört. Davor hatte ich die Beatles oder die Stones gehört. Dann kam mein Dad mit dem Album und meinte, ich solle es mir anhören. Das hat für mich alles verändert. Meine ganze Sicht auf die Musik.

Hat dich das auch dazu inspiriert, selbst Musik zu machen?

Ja, sie und die Beatles. Das sagt jeder. Jeder liebt die Beatles. (lacht) Aber bei Velvet Underground habe ich gemerkt, dass Gitarren nicht mal richtig gestimmt sein müssen, um gut zu klingen.

Letzte Frage: Was bedeutet dir die Welt?

Schwere Frage! (zu Paul, dem Tourmanager) Paul, was bedeutet mir die Welt? Sei ehrlich.
Paul: Das wäre wahrscheinlich ich.
Also: Paul bedeutet mir die Welt.

Ganz sicher?

Ja.

Na dann: Vielen Dank!


http://thefutureheadscms.trinitystreetdirect.com/
http://www.myspace.com/thefutureheads

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