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Molotov Jive: bomben für den New Sound of Sweden

Image Vier junge Kerle aus einer schwedischen Kleinstadt, ihr Outfit besteht aus engen Jeans und Chucks und sie nennen die Beatles als ihre geistigen Vorväter. Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor. Mando Diao, Sugarplum Fairy... Ja, genau, in deren Dunstkreis sind auch Molotov Jive entstanden und aufgewachsen. Sänger Anton Annersand ist der beste Kumpel von Viktor Norén, einem der Sänger von Sugarplum Fairy, dessen großer Bruder Gustaf wiederum einen Teil der Doppelspitze von Mando Diao ausmacht. Auch musikalisch sind gewisse Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen. Dreckiger Rock'n'Roll, Anleihen bei Bands der 50er und 60er und trotzig-frecher Gesang. Trotzdem sind Anton und seine Bandkumpane Anders Wennberg (Bass), Oskar Olofsson (Gitarre) und Johan Hansson (Drums) eine Klasse für sich. Zurzeit in Deutschland unterwegs ist ihre oberste Mission neue Fans zu gewinnen und den alten Bestand um mehr männliche Fans zu erweitern. Was ihnen hoffentlich gelingt, damit man sich in Zukunft auf ihren Konzerten wegen der guten, lauten Musik und nicht wegen des astronomisch hohen und lauten Gekreischs der ersten Reihen einen Hörschaden zuzieht. Soll sich ja wenigstens gelohnt haben.

Im Gespräch gibt sich Anton äußerst aufgeschlossen und gesprächig und lässt den armen Johan kaum zu Wort kommen, während er über „traumatische" Kindheitserinnerungen zu Ostern, Muttis Köttbullar und das unterentwickelte schwedische Selbstbewusstsein referiert.


Fällt es euch schwer, besonders an Feiertagen wie jetzt an Ostern von zuhause weg zu sein?

Anton: Ich bin kaum zuhause bei meiner Familie gewesen, seit wir alle vor einem Jahr nach Stockholm gezogen sind. Dann waren wir viel auf Tour. Außerdem gibt es für mich persönlich kein Zuhause mehr in dem Sinne, dass es einen Ort gibt, an den man zurückkehren kann, seit sich meine Eltern getrennt haben. Ich denke, für andere in der Band ist Ostern und es zuhause zu verbringen wichtiger. Aber die Band ist unsere zweite Familie. Wir sind wie Brüder. Johan, Anders und ich wohnen in Stockholm zusammen.
Johan: Wir sehen uns 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.
A: Wenn wir nicht dort sind, sind wir im Studio, beim Proben oder auf Tour. Wir sehen uns jeden Tag und sind wie eine Familie.

Ihr vermisst euer Zuhause also nicht besonders.

J: Nein.
A: Ich fühle mich ehrlich gesagt sehr zuhause, wenn ich mit den Jungs unterwegs bin.

Wie feiert ihr in Schweden traditionell Ostern?

A: In meiner Familie hatten wir immer diesen Baruch, dass wir in der gesamten Osterwoche so früh wie möglich aufgestanden und ums Haus gelaufen sind. Der Letzte der Familie, der ums Haus gelaufen ist, wurde den ganzen Tag mit einem Schimpfnamen bedacht, wie „Fauler Hase" oder „Gobb" oder so ähnlich. Ich habe diese fürchterlichen Kindheitserinnerungen, in denen ich um vier Uhr morgens aufwache, meine kleinen Stiefel anziehe und versuche, ums Haus zu laufen. Noch dazu wohnten wir in Uppsala, wo ich aufgewachsen bin, in einem großen Appartementhaus. Aber ansonsten? (zu Johan) Hast du versucht, Eier zu finden?
J: Nicht wirklich. Bei uns gab es immer nur besonderes Essen.
A: Ostern ist nicht wirklich ein religiöser Feiertag in Schweden. Man hat schulfrei.

Wo wir über Traditionen reden: Das letzte Album eurer Freunde von Mando Diao ist stark beeinflusst von traditioneller schwedischer Musik. Björn (Dixgård) hat mir in unserem unruhr-Interview vom letzten Jahr gesagt, dass er diese Musik lange geradezu gehasst hat, bevor sie die Idee bekamen, sie in das neue Album einfließen zu lassen. In Deutschland gibt es auch kaum Jungendliche, die volkstümliche Musik cool finden...

A: Wie Wolfgang Petry?

Nein, der ist noch schlimmer!

A: Hölle, Hölle, Hölle! Hast du das Video zu dem Lied gesehen, wo er in dieser Stahlfabrik ist und auf Rammstein macht?

Nein.

A: Wenn wir uns treffen schauen wir uns vor einer Party immer Wolfgang Petry-Videos auf Youtube an, um abzulachen. Die sind zum Schreien. Aber zurück zur Frage: Bei Mando Diao, mit denen wir befreundet sind, ist es so, dass sie fast ständig auf Tour sind, alle langsam Familien gründen und sie langsam alt werden.

Ehm, 26. Sehr alt!

A: Na ja, sie gehen auf die 30 zu, und 26 zu sein ist schon anders als Anfang 20 zu sein. Ich glaube, ihnen bedeuten ihre Heimatstadt und Schweden mittlerweile viel mehr. Diese Tendenz ist immer vorhanden: Wenn man viel von zuhause weg ist, wird man über die Zeit patriotischer. Wenn Leute im Ausland leben, vermissen sie Sachen, die ihnen vorher vielleicht nicht so viel bedeutet haben. Wir vermissen zum Beispiel Muttis Köttbullar.

Ihr könnt doch einfach zu IKEA gehen.

A: Wir wollten tatsächlich schon bei IKEA vorbeifahren, um Köttbullar zu essen.

Und euch zuhause zu fühlen.

A: Ja. Aber nein, wir haben uns bisher noch nicht zu traditioneller schwedischer Musik hingezogen gefühlt. Ich habe mir skandinavische Folkmusic noch nicht mal richtig angehört. Wir haben viele andere Einflüsse. Auf unserem Debütalbum („When It's Over I'll Come Back Again", Anm.), das gerade in Deutschland veröffentlicht wurde, tragen wir diese Einflüsse offen zur Schau. Als wir achtzehn waren, wollten wir der Welt zeigen, was wir mochten und uns gerne anhörten und wo unsere musikalischen Wurzeln lagen. Darunter waren The Who, die Beatles und andere Brit-Pop-Bands. Das Album, das wir gerade aufgenommen haben und das im Moment in der Mischung ist, ist viel prägnanter. Wir versuchen nicht mehr irgendwelchen Einflüssen nachzurennen, sondern wollen eine Geschichte erzählen. Es ist viel mehr auf den Punkt. Wo wir jetzt sind, ist woanders als wo wir beim ersten Album waren.

Anton Annersand Genau das wollte ich auch fragen, nämlich inwiefern das Erwachsenwerden, das Heranwachsen von Teens zu Twens euer Songwriting, die Texte und die Musik beeinflusst hat.

A: Die Texte auf dem neuen Album sind größtenteils darüber, etwas zu verlassen und den Versuch etwas Neues zu finden. Das zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album. Wir sind in einer Kleinstadt aufgewachsen, und das erste Album handelt von dem Versuch, diese Stadt zu verlassen, dem Frust, an diesem Ort festzusitzen und Teenagerleben im Allgemeinen. Die neue Scheibe handelt davon, das zurückzulassen, was du einmal warst und von einer für mich sehr wichtigen Beziehung, die gestorben ist. Unser Leben hat sich in diesen zwei Jahren wesentlich verändert, wir sind umgezogen und mussten unseren Platz in einer neuen Situation finden. Darum geht es und dahin gehen die Texte. Es ist reifer, was aber nicht heißen soll, dass es langweiliger ist, was bei vielen Bands der Fall ist, wenn sie sagen, dass sie reifer geworden sind. Die Lieder haben sehr viel Energie und sind direkter.
J: Wir haben so viel mehr gesehen und sind mittlerweile älter.

Ich habe auch gelesen, dass ihr Trompeten, Hörner, Orchestertrommeln und Glocken verwendet habt. Also scheint ihr auch andere musikalische Einflüsse verarbeitet zu haben.

A: (lacht) Wir haben es diesmal selbst versucht. Auf der letzten Platte haben andere die Trompeten, Hörner und das Klavier eingespielt. Diesmal habe ich die Orgel und das Klavier gespielt...
J: Und Anders hat die Hörner übernommen.
A: Es ist jetzt nicht so, als hätten wir tonnenweise Hörner oder so. Die sind nur auf ein paar der Tracks zu hören. Aber wir haben eben versucht, es diesmal alles alleine zu machen. Unsere Hauptinstrumente sind immer noch die Gitarren und davon hatten wir jede Menge im Studio. Wir wollten, dass der Sound sich voll anhört. Es sollte dieser Sturm von Gitarren werden, gegen den jemand anschreit, der ihn übertönen will. Mal schauen, was in der Mischung passiert, aber das war unsere Vision.

Könntet ihr euch je vorstellen, mit einem großen Orchester zu arbeiten und mit ihm auf die Bühne zu gehen, wie es schon so viele große Bands getan haben?

A: Ich weiß nicht recht. Wenn man mit Streichern arbeitet, dann bekommen die Songs diese emotionale Note, die auch deine Mutter mag. Nein, wir sind gut mit Gitarren und verwenden sie auf viele verschiedene Arten auf diesem Album. Und das werden wir immer tun. Ich glaube nicht, dass wir je orchestral werden. Wir funktionieren als traditionelles Rock'n'Roll-Four-Piece. Das können wir am Besten und wollen es auch noch weiter ausschöpfen.

Das ist der perfekte Übergang zu meiner nächsten Frage, denn viele der aktuell bekannten und erfolgreichen schwedischen Bands haben ihre Wurzeln im Rock'n'Roll der 50er und 60er. Woher, denkt ihr, kommt das?

A: Wir Schweden wurden immer schon beeinflusst von britischer Rockmusik.

Es scheint, als hättet ihr ein größeres Verständnis für diese Art von Musik als andere Länder.

A: Ja, ich habe darüber auch schon nachgedacht. Auch darüber, warum es nicht mehr gute deutsche Bands gibt. Diese Diskussion hatten wir auch während unserer Tour. Die Tatsache, dass es in Deutschland 80 und in Schweden dagegen nur 9 Millionen Menschen gibt und dagegen die Anzahl an guten Bands in Deutschland geringer ist. Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich Schweden immer an London orientiert und an den neuesten Trends, die von dort kamen. Wir Schweden haben kein großes Selbstbewusstsein und nicht wirklich eine eigene Kultur. Also klauben wir alles zusammen, was wir von England und Amerika bekommen können und würzen das mit ein wenig nordischer Angst und Dunkelheit. So bekommen wir die schwedische Mentalität. Speziell in Stockholm gibt es die neueste Mode aus London und Paris. Es ist eine sehr hippe Stadt, und jeder will cool sein. Da wir sehr beeinflusst sind von Dylan und Springsteen und der englischen Beat-Szene war unsere Musik seit den 60ern immer mehr oder weniger eine Kopie von dem, was sie gemacht haben. Und über die Jahre sind wir so gut darin geworden, dass wir es heute fast besser können als die Engländer. Ich glaube aber, dass deutsche Bands im Moment sehr im Kommen sind. Viele der Support-Bands, die wir auf unserer Tour hatten und haben sind auch von der britischen Musik beeinflusst, von Bands wie den Libertines und Razorlight. Wir sind mit Oasis und Brit-Pop aufgewachsen, die ständig über die Musik aus den 60ern geredet haben, über Bands wie The Who und die Beatles. Deswegen haben wir die Plattensammlungen unserer Eltern durchwühlt und das „White Album" und „Tommy" ausgegraben und uns da reingehört. Ich glaube, Schweden ist irgendwie besessen von England.

Könntet ihr euch vorstellen in den 50ern oder 60ern gelebt zu haben?

A: Ich denke gerne, dass unsere beste Zeit gerade jetzt ist, aber manchmal bin ich mir da nicht so sicher. Nein, ich glaube, es ist gut, im Moment zu leben, denn ich glaube, auch sie hätten gerne im 21. Jahrhundert gelebt.

Molotov Jive Wenn ihr die Beatles wärt, wer wäre wer?

A: Ich wollte immer John sein, aber bei einem Beatles-Test, den ich bei Facebook gemacht habe, kam heraus, dass ich Paul McCartney bin.
J: Ich wäre dann wohl Ringo (Starr) weil ich die Drums spiele.

Na ja, es geht weniger um die Instrumente, sondern eher um die Persönlichkeit.

J: Na ja, ich bin auch der Lustige.
A: Anders ist George (Harrison), weil er...
J: ...der Ruhige ist, der mit dem Buch.
A: Genau. Ich bin der Eitle. Wer wäre das? Wahrscheinlich John Lennon.

Am ehesten.

J: Oskar ist aber nicht Paul McCartney.
A: Nein, Oskar ist eher Ringo und du bist Paul. Weil wir die Bandgründer sind.
J: Stimmt.
A: Und Oskar ist ein bisschen trottelig, ein bisschen laut und eben blond.
J: Ein bisschen der Outsider.

Anton, ich habe gelesen, dass dein Lieblingsbuch „On the Road" von Jack Kerouac ist.

A: Ja, tatsächlich wird es gerade auch zu Johans Lieblingsbuch.

War es das schon, bevor du je auf Tour gegangen bist?

A: Ja, lange davor.

Spürst du jetzt eine größere Verbundenheit zu dem Buch, weil du selbst erfährst wie es ist „on the road" zu sein?

A: Na ja, es ist ein bisschen was anderes als auf der Ladefläche eines Trucks mitzufahren, aber es ist trotzdem eine spezielle Lebensart. Man ist in gewisser Weise ein Vagabund. Man trifft überall eigenartige Menschen, in jeder Stadt, auf den After-Show-Parties, auf der Straße, Obdachlose. Es hat mich, wie soll ich sagen, vergebender werden lassen, weil ich so viele Schicksale kennen gelernt habe. Wir kommen aus einer kleinen Stadt, in der...
J: ...jeder den anderen kennt.
A: Es hat uns die Augen geöffnet gegenüber anderen Lebensweisen. Jeder sollte so viel reisen wie möglich.

Also „lehnt ihr euch dem nächsten verrückten Abenteuer entgegen" wie Kerouac gesagt hat?

A: Ja, das versuchen wir, aber es geht alles so schnell für uns. Jeden Tag sind wir in einer neuen Stadt.

Wahrscheinlich wisst ihr oft gar nicht, wo ihr gerade seid.

A: Ja, wie jetzt gerade. Es hieß, heute sind wir in München. Wir waren hier schon viermal, also habe ich versucht, mich an bestimmte Plätze und an die Veranstaltungsorte zu erinnern, an denen wir gespielt haben und konnte es erst nicht. Aber dann hab ich mich daran erinnert, dass wir im Backstage gespielt haben, wo wir hinter der Bühne den Alkohol gestohlen haben. Wir haben im Band-Appartement geschlafen, von dem es einen Zugang zur großen Halle gab, wo wir uns dann den Whiskey genommen haben. Und dann waren wir mit The Enemy im 59:1.

Und ihr wart mit Sugarplum Fairy in den Georg-Elser-Hallen.

A: Ja, diese Tour war für uns der Start. Auf ihr haben wir unser eigenes Publikum gewonnen. Daran arbeiten wir immer noch: unser Publikum anwachsen zu lassen. Und ein bisschen von der Mädels-Basis wegzukommen. Das ist ein Work-in-Progress.

Image Was ist das Beste daran, auf Tour zu sein?

J: Zu spielen. Auf der Bühne zu stehen und unsere Songs zu spielen.
A: Und uns jeden Abend auszupowern. Man baut es jeden Tag auf und lässt es dann auf der Bühne wieder raus. Es ist extrem anstrengend, hat aber auch eine therapeutische Qualität. Man findet eine Menge über sich selbst heraus.

Das hast du auch mal über das Songwriting gesagt, dass es eine Art Therapie sei.

A: Ist es. Auch eine Art der Selbstanalyse.

Hast du je Angst, mehr deiner innersten Gedanken, Gefühle, Hoffungen und Ängste preiszugeben, als du eigentlich willst?

A: Absolut! Für das neue Album habe ich ein Lied geschrieben, „For the Falling Apart", in dem es um einen Typen geht, der von einem Ort an einen anderen zieht, und ich dachte, ich erfinde jemanden, aber dann habe ich mir den Text durchgelesen und der letzte Refrain geht folgendermaßen:

You speak like someone who's got something to say
And you've always been planning on leaving some day
But at the end of the line you were scared of what you'd find
So you're taking these words and you sing like you know it
With faces and manners of rock'n'roll poets
It's back to the start a shout in the dark
A song for the falling apart

Ich hab es also gelesen und gemerkt, dass es da um mich geht (lacht) und die Angst, so etwas wie ein Klischee zu sein. Manchmal bemerkt man, dass das Unterbewusstsein eine große Rolle spielt. Ehm, wie war die Frage noch mal?

Du hast sie gerade beantwortet. Jetzt wo ihr das zweite Album fertig habt, würdet ihr rückblickend irgendetwas am ersten ändern, am Prozess des Songwritings, der Aufnahme oder irgendeines der Lieder?

J: Ich würde das niemals machen, weil wir uns damals genau so gefühlt haben und es auch genau so machen wollten.
A: Es ist so, wie wir es sagen wollten und das an sich ist eine sehr schöne Sache. Auch wenn wir uns auf dem neuen Album etwas verändert haben und damit das Publikum auf den neuesten Stand bringen wollen bezüglich dessen, was uns jetzt ausmacht, bin ich dennoch sehr stolz auf unser erstes Album. Aber es ist, wie auf sich selbst vor ein paar Jahren zurück zu schauen.

So ein bisschen, wie ein altes Tagebuch durchzulesen und zu denken: „Mann, war ich damals vielleicht doof!"

A: Genau, aber man kann es auch nostalgisch sehen. Ich sehe es lieber positiv, sonst würde ich mich wahrscheinlich erschießen.

Letzte Frage: Molotov Cocktail: Trinken oder werfen?

J + A: Werfen!

Auf wen?

A: Mando!


http://www.molotovjive.se/
http://www.myspace.com/molotovjive

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