Steel Pulse - African holocaust (2004 Sanctuary Records)

Früher war alles besser. Spätestens ab 30 sitzt der kleine Teufel, der uns da einflüstert, maliziös grienend in Windungen unseres schon arg weichen Wabbelhirns. Dann wanken wir auf unseren hornhautwunden Füßen zum CD-Regal Stackebo, in dem all die alten Platten auf CD stehen, denn wer braucht schon diese Techno-Kacke (seit 10 Jahren ist alles Neue Techno für uns) und schwubiduchteln uns in endlose Erinnerungsschleifen.

Aber neulich ging ich volles Risiko. Habe mir eine brandneue CD gekauft. Zum langsamen Einstieg jedoch nur eine Neuerscheinung alter Helden aus meiner Jugendzeit: Die englische Reggaekapelle Steel Pulse hat ihr neues Album African holocaust vorgelegt.

Steel Pulse aus Birmingham gibt es bereits seit 1975. Mit Handsworth revolution erschien ihre erste LP drei Jahre später. Seitdem sind sie fester Bestandteil der Roots-Reggaeszene mit beachtlichem Erfolg auch in Jamaika, was für eine englische Band nicht selbstverständlich ist.

Nun also nach fünfjähriger Pause ein neues Werk. Mein Urteil stand im Vorfeld fest und musste nur bestätigt werden. Früher....ihr wisst schon. Also, rein mit dem Silberding. Flugs das Booklet sinnesinhaliert. Aha, nur noch zwei von den sieben Ursprungsmitgliedern an Bord. Ich wusste es doch, alles klar!

So viele MärtyrerDer spärliche Rest sind David Hinds und Selwyn Brown. Mit Erstgenanntem der Gründer, Kopf, Sänger und Komponist von Steel Pulse. Darüber hinaus eine der bestechendsten Stimmen des Reggae. Immer noch. Ich registriere, dass mein Fuß inzwischen zu wippen begonnen hat. Was ich höre, ist unverkennbar Steel Pulse. Natürlich gewaltig modernisiert, doch Steel Pulse hatten stets den Finger am Puls der Zeit bei ihren kontinuierlichen Veröffentlichungen der vergangenen 26 Jahre. War in der Vergangenheit hinter dem neuen Sound oftmals Steel Pulse wenig erkennbar, wie z. B. 1991 auf Vex, erscheint mir African holocaust dagegen eine perfekte Symbiose aus Altem und Neuem zu sein. Hervorragende Bläserarrangements zu modernen Rootsriddims (Make us a nation, Darker than blue), bisweilen eine Wailers-gleiche, rockige Leadgitarre (Door of no return) und Gastauftritte von Capleton im dancehallorientierten Blazing fire und Junior Gong Marley bei No more weapons, dessen Part das Thema von Eleanor Rigby einer ehemals recht bekannten englischen Band aufgreift. Nach hinten raus wird das Ding dann immer besser, mit meinem persönlichen Favoriten George Jackson, das zwar knapp am großen Schubidu liegt, aber sei’s drum...

Jetzt höre ich natürlich die Experten schreien, dass sei doch alles kein Vergleich zu früheren Werken. Jajaja, aber in diesem Fall vertraue ich auf meinen Fuß, der immer noch wippt.

www.steel-pulse.com

P.S.: Übrigens: Die Inhalte der 13 Songs drehen sich um die Diskriminierung der Farbigen damals und heute, afrikanisches Selbstbewusstsein und schwarze Märtyrer, das Booklet zeigt ein schauriges Kabinett von an Bäumen dieser Welt gehenkter Farbiger. Aus gegebenem Anlass weise ich darauf hin, das es sich um ein 100% Homophobie-freies Album handelt. Reggae for everybody.

Bild: Pressefreigabe

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