Schwenksteak und Che Guevara - Ruhr Reggae Summer Mülheim 27/07/07

So schön in Mülheim an der RuhrMan muss sich nichts vormachen. Die Zeiten, in denen Rockmusik und politischer Protest unvermeidlich miteinander verknüpft waren, sind vorbei. Ein potenter Nachfolger Bonos und Geldofs ist nicht auf dem Schirm. Gott sei Dank, werden einige meinen. Doch eine Zielgruppe für Musik mit politischer Botschaft ist weiterhin vorhanden. Die trifft sich nun notgedrungen auf Reggaefestivals.

Denn diese Musikgattung erfüllt für viele noch immer das Klischee politisch linken Gedankenguts, was von der Szene natürlich nicht wenig befeuert wird. Zudem ist die hedonistische Grundausrichtung der vom Reggae transportierten Revolutionsphilosophie sehr attraktiv für das Publikum. Man bekämpft internationale Ungerechtigkeit, darf aber auch kiffen, fight Bush mit dem Becher Caipirinha in der erhobenen Faust, eine Thüringer Rostbratwurst gegen Rassendiskriminierung und für ein Schwenksteak stellt man auch mal die rote Guevara-Flagge in die Ecke.

Dementsprechend hatte der erste Ruhr Reggae Summer im Mülheimer Ruhrstadion eine Atmosphäre zwischen Borbecker Stadteilfest, Heiligendammer Protestdemo und Woodstock-Revival. Viel Platz für nackige Füße, afrikanische Batikdecken, äthiopienbeflaggte Stroller, fußschweißgetränkte Hackysacks, Ruud-Gullit-Gedenkperücken, Hosen in Vollgeschissenschnitt und Dinkelkekse.

Ob die Veranstalter des Reggae Summers einen Besucheransturm in Mülheim erwarteten, ist nicht bekannt. Am Freitag Abend blieb dieser jedoch trotz besten Wetters aus. Was den unbestreitbaren Vorteil hatte, niemals für ein Bier anstehen zu müssen. Big up den Veranstaltern, auch wenn die sich das sicher anders gewünscht hätten. So blieb es auch im Clubzelt sehr übersichtlich, wo die Soundsystems auflegten, zumindest während der Konzerte auf der Bühne, ohne dass dort das große Gedränge geherrscht hätte.

Uwe Banton und Omas AchselhaareDie Menge vor der Bühne feierte derweil Uwe Banton, der nun wahrlich keinen Innovationsschub für den deutschen Reggae bedeutet, die Bühnenpräsenz eines Holzbretts und einen Bart wie Omas Achselhaare hat. Die Veranstaltung nahm deutlich mehr Fahrt auf, als Ganjaman aus Berlin auf die Bühne fegte. Der Mann versteht es, deutsches, jedoch rastainspiriertes Gedankengut unter die Leute zu streuen, wobei er auf frische Sounds baut, aber auch klassische Riddims (Heathen, Murderer etc.) bespielt. Höhepunkt dieser Verquickung ist die deutsche Version von Satta Amassagana. Als backing band für Banton und Ganjaman fungierte die Small Axe Band, die einen soliden Gig lieferte.

Wozu Reggaebands aber auch fähig sein können, bewies die holländisch-karibische Renaissance Band, die Ziggi, den Headliner des Abends, unterstützte. Der Auftritt strotze vor Dynamik und pendelte stetig zwischen Dancehall und Roots, wie es Ziggi bereits auf seinem Debütalbum So much reasons ablieferte. Am Ende durfte die noch mal die Band glänzen. Ein großartiges Potpourri karibischer Musikstile wie Soca, Latin, Ska, die auf Zuruf des Frontmanns wechselweise zu einem Ganzen verbunden wurden. Ein würdiger Topact des Abends.

Die weiteren Tage des Festes waren nun wirklich nicht vom Wetter begünstigt, die erwartete Besucherzahl wurde sicher nicht erreicht, weshalb nur die Hoffnung bleibt, dass die Veranstalter nach Kassensturz eine Neuauflage 2008 für lohnenswert erachten.

Foto: House of Riddim (Uwe Banton)

www.reggaesummer.com