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The Cinematics: "Das neue Album ist unser zweites Debüt"

The CinematicsNächtliche, leer gefegte Straßenzeilen, eine wild aufgepeitschte See, Schattenspiele an weißgetünchten Wänden und über allem ein Wolken verhangender, bleierner Himmel, der melancholische Gefühle heraufbeschwört... Das erste Album der schottischen Band The Cinematics würde einen guten Soundtrack für einen expressionistischen Film oder einen Film Noir-Streifen abgeben.

Der kürzlich erschienene Zweiling "Love and Terror" malt schon farbenfrohere Bilder, entbehrt aber auch nicht einer gewissen melancholischen Grundnote. Mit neuen Liedern im Gepäck gastierten die vier Kinematografen vor Kurzem in verschiedenen deutschen Städten, was uns die Gelegenheit gab, nachzufragen, wie es ist, sein eigener Herr zu sein, ob "Moving to Berlin" ernst gemeint ist und ob es in Glasgow einen Band-Stammtisch gibt.

Ich finde, euer neues Album hat viel mehr Charakter, als euer Debütalbum.
Scott: Bei unserem ersten Album waren wir jünger und unser Label TVT, obwohl es ein Indie-Label war, war doch ziemlich groß, zumindest waren die Strukturen wie bei einem Major. Die Box Real World Studios, in denen wir aufgenommen haben, sind eines der besten Studios weltweit. Es war eine tolle Erfahrung, und ich würde auch nichts daran ändern, aber teilweise waren wir davon ziemlich überwältig und eingeschüchtert. Ich hätte mir gewünscht, öfter mal zu sagen: "Nein, so machen wir das nicht." Als TVT dann pleite ging, meinten viele, es müsse doch eine schlimme Zeit für uns sein. Einerseits war es das auch, aber künstlerisch gab es uns die Gelegenheit uns weiterzuentwickeln, und jetzt wissen wir, was wir tun.

Adam GoemansWar das eine große Veränderung? Auf dem Album klingt es so.
S: Es hat sich schon einiges verändert, wir haben alle ein ganz anderes Leben. Das klingt jetzt vielleicht etwas abgegriffen, aber im Grunde ist das neue Album unser zweites Debüt. Weil sich so viel verändert hat, fühlt sich dass alles wie etwas ganz Neues an. Eine neue Plattenfirma, ein neuer Gitarrist...

Aber ihr hört euch schon so an wie vorher...
S: Ja, es sind die gleichen Vocals, wir haben immer noch unsere Bassline, dasselbe Schlagzeug und Gitarren. Wir sind immer noch The Cinematics, aber erwachsener.

Ich finde es sehr spannend, dass euer Album "roher" klingen sollte. Das ist ja schon recht anachronistisch, denn normalerweise ist das erste Album einer Band roh, beim zweiten merkt man schon mehr, in welche Richtung es gehen soll und das dritte ist oft perfekt produziert. Bei euch ist es andersrum.
S: Wir entwickeln uns zurück. (lacht) Auf unserem nächsten Album werden wir nur noch grunzen und Buschtrommel spielen. Nein, es hatte einfach damit zu tun, dass unser erstes Album so glatt war. Aber es ist sicher kein Rückschritt.

Ich habe gelesen, dass ihr bereits über ein drittes Album nachdenkt, dass es schon in euren Köpfen existiert.
S: Oh ja!

Wird es da wieder eine große Veränderung geben? Außer dem Grunzen und den Buschtrommeln?
Larry (lacht): Jeder redet bei dem aktuellen von unserem "neuen" Album, dabei haben wir es schon vor langer Zeit geschrieben. Wir waren nach Weihnachten letzen Jahres mit den Aufnahmen fertig. Es sollte eigentlich schon vor Langem veröffentlicht werden. Wir waren schneller, als es in der Industrie üblich ist. Unser nächstes Album wird dann in drei Wochen rauskommen. (lacht)

Wie wird die Veränderung beim nächsten Album aussehen?
S: Wir können doch hier keine Geheimnisse verraten!

Habt ihr nicht irgendwas über Berlin gesagt?
S: Ja, wir ziehen nach Berlin.

Ross Bonney und Adam GoemansDa müsst ihr aber aufpassen, weil Berlin eine sehr Art-Rock-lastige Stadt ist. Vielleicht geht dann die Veränderung in eine ganz andere Richtung, als ihr es eigentlich wollt...
S: Vielleicht, aber ich glaube nicht, dass wir plötzlich Casio-Keyboards verwenden. (lacht) Das nächste Album wird sich schon von den beiden anderen unterscheiden, denn man möchte ja nicht noch mal das Gleiche aufnehmen. Wir ziehen nach Berlin, um wieder neu inspiriert zu werden. Wir leben schon zehn Jahre in Glasgow, und es ist irgendwie immer das Gleiche...

Vor zehn Jahren habe ich mich mal mit dem Sänger von Mull Historical Society unterhalten, der meinte, in Glasgow gäbe es keine Szene. Das ist komisch, denn in England gibt es überall eine Szene, in Manchester, London, sogar in Leeds...
L: Ich weiß nicht, ob es überhaupt so etwas wie eine "Szene" gibt. Ich halte es eher für ein Konstrukt. Ich meine, klar gibt es Bands, die befreundet sind, aber das macht sie nicht automatisch zu einer Szene.

Ihr trefft doch sicher auch andere Bands.
S: Ja, aber man darf sich das nicht so vorstellen, als gäbe es in Glasgow nur zwei Kneipen, in denen man dann mit Glasvegas oder Franz Ferdinand zusammen sitzt, Pfeife raucht, ein Glas Wein trinkt und über Gott und die Welt philosophiert. So ist es absolut nicht. Das Besondere an Glasgow ist, das es dort immer einzigartige Bands gab, die alle ihren eigenen, ganz besonderen Stil haben. Es gibt Art Rock-Bands wie Franz Ferdinand, es gibt uns, Belle & Sebastian und eine ganze Menge anderer Bands, aber es ist keine richtige Szene, in der sich Bands gegenseitig beeinflussen. Zumindest gilt das für uns. Wir sind ja auch ursprünglich nicht aus Glasgow, sondern kommen aus den Highlands.

Wo wir bei den Highlands sind: In welcher Weise haben sie oder überhaupt die Gegend, in der ihr aufgewachsen seid, eure Musik beeinflusst.? Bei den Highlands denke ich automatisch an Nebel, Nieselregen, eine eher düstere Atmosphäre, wie man sie auch in eurer Musik findet.
S: Ich denke, es hat uns gar nicht wirklich beeinflusst. Außer, dass wir dadurch einen freien Geist entwickelt haben. Wenn es keine Szene in Glasgow gibt, dann gibt es in den Highlands noch viel weniger eine. Es gibt nur wenige Dinge, die man dort als Jugendlicher machen kann: Man betrinkt sich abends und spielt tagsüber Fußball, oder man betrinkt sich abends und macht tagsüber Musik. Es hat uns insofern beeinflusst, dass wir unabhängig geworden sind und gesagt haben, das ist es, was wir tun wollen. Vielleicht hat es aber doch einen Einfluss, wenn man auf dem Land aufwächst, wenn man alle dieses weite, offene Land um sich herum hat. Das muss einen schon irgendwie prägen. Man ist authentischer und ehrlicher.

Larry ReidDiese Unabhängigkeit, von der du eben gesprochen hast, konntet ihr bei der Entstehung eures neuen Albums ausleben, denn ihr habt es komplett alleine produziert. Es ist sicher eine tolle Sache, die Entscheidung über den gesamten Prozess selbst in der Hand zu haben, aber war es teilweise nicht etwas beängstigend, weil man niemanden hat, auf den man verantwortlich machen kann?
S: Den haben wir: Larry! (lacht) Wir hatten eigentlich gar nicht geplant, das Album selbst zu produzieren. TVT, unsere Plattenfirma, ist pleite gegangen, und wir haben Songs geschrieben, von denen wir nicht mal wussten, ob sie jemals jemand hören würde. Das zweite Album hätte überhaupt nicht entstehen können. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf schrieben wir unsere Lieder. Larry hat die Demoversionen gemacht. Als dann feststand, dass wir bei The Orchard unter Vertrag bleiben würden und sie uns fragten, wer unser neues Album produzieren soll, sagten wir: "Das haben wir schon getan."
L: War es beängstigend? Bestimmt für euch Jungs! (lacht)

Aber es ist doch auch toll, wenn man etwas machen kann, ohne, dass jemand einem im Nacken sitzt und sagt, wie man etwas tun muss.
S: So ähnlich war das bei unserem ersten Album, und das wollten wir einfach nicht mehr. Als die Geschichte mit TVT war, da haben viele zu uns gesagt: "Das muss ja schlimm sein, ohne Plattenfirma..." Aber es war so viel besser, weil wir die künstlerische Kontrolle zurück bekamen und über The Cinematics und unseren Sound wieder selbst bestimmen konnten. "Diese Lieder wollen wir spielen, und so sollen sie klingen." Deswegen war Larry genau der Richtige. Heutzutage ist es mit Produzenten so, als würde ein Maler wie Picasso oder Rembrandt jemand anderen vor seine Staffelei setzen und ihm beschreiben, wie er das Bild malen soll. Das ist doch schwachsinnig!
L: Aber das ist genau das, was Rembrandt getan hat. Er hat seine eigenen Bilder nicht mal angefasst... Ich weiß gar nicht, warum diese ganzen Bands das Lob für ihre neuen Alben einstreichen. Alles, was sie tun, ist es, ein paar Gitarren zu nehmen und ein paar Akkorde zu spielen, und dann setzt die Plattenfirma ihnen einen Typen ins Studio, dem sie 130.000 Pfund bezahlt, um das Album für die Band zu machen. Der Produzent macht das Album, nicht die Band.

Der Produzent drückt dem Album seinen eigenen Stempel auf. Deswegen klingen heute so viel Bands sehr ähnlich.
L: Ganz genau! Aber es ist eine akzeptierte Tatsache. Alles wird mit Computern gemacht. Da gibt es ein Preset...

Deswegen hat euer Album auch diesen Charakter, weil keiner noch mal drüberpoliert hat.
L: Am Ende haben wir uns schon noch Hilfe geholt von einem Freund, der auch in einer Band spielt und das Meiste gemischt hat, und von einem Toningenieur, der schon einen Grammy gewonnen und das Mastering übernommen hat. Also mussten wir schon in gewisser Weise einen Kompromiss eingehen, und das Album klingt vielleicht nicht ganz genau so wie wir es ursprünglich wollten.
S: Aber es war wirklich gut, dass wir es selbst produziert haben, und der Trend geht ja auch dahin. Bei elektronischer Musik ist das ja schon lange so, aber die Kerle mit den Gitarren scheinen in dieser Beziehung einfach zu faul zu sein. (lacht)
L: Ein Album zu produzieren ist eigentlich sehr einfach, aber viele Musiker sind wirklich zu faul, um es selbst zu machen. Um Gitarrist, Drummer oder Bassist in einer Band zu werden, muss man sehr hart arbeiten. Wenn man durch Glasgow läuft, sind sicher acht von zehn Leuten, die man trifft, Gitarristen, aber die meisten sind einfach nicht gut genug.
S: Uns geht es hauptsächlich aber darum, die Kontrolle zu behalten, über das, was wir tun. Wir haben uns zum Beispiel auch das Konzept für unser Video ausgedacht...

Scott RinningGut, dass du das ansprichst. Auf das Video zu eurer ersten Single vom neuen Album, "Love and Terror", wollte ich nämlich auch zu sprechen kommen, weil mir beim Anschauen etwas aufgefallen ist. Ihr nennt bei euren Einflüssen des Öfteren auch die Smashing Pumpkins - zumindest ist das auf vielen Seiten zu lesen. Scott, du erinnerst mich in dem Video total an Billy Corgan, als er noch Haare hatte. Und ich war früher der absolute Smashing Pumpkins-Fan.
S: Echt, ich erinnere dich an ihn? Der Typ hier (deutet auf Larry)...
L: Ich halte die Smashing Pumpkins für eine der schlechtesten Bands der Welt, und ich würde auch nicht sagen, dass sie irgendeinen Einfluss auf unsere Band ausüben.
S: Ich hab sicher nicht daran gedacht, als wir das Video gedreht haben, aber ich mag tatsächlich die Smashing Pumpkins. Ich mochte "Siamese Dream" und auch "Mellin Collie and the Infinite Sadness". Ich habe sie live gesehen, als ich 14 war und war extrem enttäuscht.

Als ich sie live gesehen habe, war es ein Sitzkonzert. Bei einer solchen Band ist es das Bescheuertste, was man machen kann...
S: Oh ja, Sitzkonzerte sind einfach lächerlich!

Aber, da wir jetzt langsam zum Ende kommen müssen, gehen wir direkt zu unserer letzten Frage: Wenn The Cinematics ein Film wären, welcher wäre das? Wir haben da ein paar Auswahlmöglichkeiten:
a) "Metropolis" von Fritz Lang
b) "Kes" von Ken Loach
c) "Trainspotting" von Danny Boyle
d) "Lost Highway" von David Lynch
S: Uh, ich glaube, ich würde mich für "Metropolis" entscheiden...
L: Bei mir wär's "Kes".


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