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Sugarplum Fairy: „Es ist wieder Zeit für Legenden“

Sugarplum FairyEs gibt sicherlich viele Bands, die bereits ihr zehnjähriges Bestehen feiern können, aber bei wie vielen davon sind die Mitglieder gerade einmal im Alter zwischen 22 und 25 Jahren? Und noch mehr schaffen es gar nicht so weit, weil sie frustriert durch viele Jahre als kleine Fische im großen Teich des Musikbusiness' die Gitarren an den Nagel hängen und es doch mit was Ordentlichem versuchen. Sugarplum Fairy aus der schwedischen Kleinstadt Borlänge waren dazu glücklicherweise nicht gezwungen und gehören mittlerweile schon zu den „alten Hasen" im Geschäft, mit einer Dekade musikalischer Erfahrung auf dem jugendlichen Buckel.

Doch obwohl sie am 19. September dieses Jahres mit „The Wild One" bereits ihr drittes Album herausgebracht haben, hat sich der ganz große Erfolg noch nicht eingestellt. Anders als bei ihren „großen Brüdern" Mando Diao. Diese Verwandtschaftsbezeichnung habe ich nicht nur verwendet, weil sie wie die eben genannten ebenfalls aus Schweden stammen, genau wie diese in Borlänge aufgewachsen sind und ähnlich lässigen Indie-Rock produzieren, sondern weil sie tatsächlich in erwähntem verwandtschaftlichen Verhältnis stehen. Zumindest die vokale Doppelspitze bestehend aus den Brüdern Carl und Viktor Norén, deren großer Bruder Gustaf nämlich seines Zeichens ein Teil des gleichfalls doppelstimmigen Kopfes von Mando Diao ist. Die machen trotz eines Altersvorsprungs von ein paar Jahren zwar erst im nächsten Jahr die zehn voll, sind jedoch schon länger einem größeren Publikum bekannt.

Mit dem neuen Album könnte es dem fünfköpfigen Gespann, das außer den Norén-Brüdern noch aus David Hebert, Kristian Gidlund und Jonas Karlsson besteht, gelingen, seine Fangemeinde ein wenig zu vergrößern. „The Wild One" kommt rockiger, abgeklärter und erwachsener daher als seine beiden Vorgänger und besticht durch eingängige Melodien aus mehreren Jahrzehnten der Rockgeschichte. Um das neue Werk vorzustellen, sind sie derzeit unter anderem auch auf deutschen Bühnen unterwegs.

So kam es, dass ich mit Carl Norén und Jonas Karlsson über die „langweilige" Band The Hollies, die alten Männer der schwedischen Hardrock-Band Europe und die sozialkritischen Texte der Manic Street Preachers geplaudert habe.


Wie waren die ersten Shows auf der Tour für euer neues Album?

Carl: Großartig! Wirklich gut. Wir haben eins aus Spaß mit unserem Camcorder aufgenommen, nur um zu sehen, wie es aussieht. Das war wirklich gut. Wir sind sehr glücklich, und das Publikum war super. Außerdem klingt das neue Material live echt gut.

Im Vergleich zu Deutschland: Wie groß seid ihr in Schweden?

C: Schweden ist so ein kleines Land und deswegen schwer mit Deutschland zu vergleichen. In Schweden sind wir vielleicht auf den Titelseiten der bekanntesten Magazine, aber die Musikszene ist nicht so groß, deswegen ist es dort einfacher berühmt zu sein. Ich glaube, als Live-Band sind wir hier in Deutschland bekannter.

Das sagen viele schwedische Bands. Sie meinen auch, dass das hiesige Indie-Publikum jede neue  Band sehr gut aufnimmt.

C: Ja, das stimmt. In Schweden ist auch die Live-Szene nicht so groß. Es gibt nur vier bis fünf Orte, an denen man spielen kann.

Lasst uns über euer neues Album „The Wild One" sprechen: Für mich ist das purer Rock'n'Roll. Es ist weniger poppig als seine zwei Vorgänger. Was hat euch dazu veranlasst, euren Musikstil und euer Image zu verändern. Auf dem Cover seid ihr angezogen wie eine Rock'n'Roll-Band oder Biker Gang aus den 1960ern.

C: Zuerst einmal: Du findest, es ist rockiger?

Carl Norén und Jonas KarlssonJa, das finde ich.

C: Ich hab nämlich auch schon das genaue Gegenteil gehört. Ich finde es sehr interessant, dass unterschiedliche Menschen, so unterschiedliche Meinungen zu dem Album haben. Aber ich stimme dir zu: Es ist mehr up-tempo und rockiger. Ich finde, wir waren nie wirklich eine Indiepop-Band. Diesen Ausdruck mochte ich nie. Das hört sich für mich an, als würde man nie groß rauskommen wollen. Was das Outfit, die Lederjacken und die schwarzen Jeans angeht: So sehen wir jeden Tag aus. Und die Lieder... Für mich ist es schwer zu sagen, ob sie nun wirklich rockiger sind...
Jonas: Ja, es ist schwer. Diesmal klingen wir rockiger auf dem Album. Bei den beiden Alben davor klangen wir darauf poppiger, live aber wie eine Rock-Band. Das ist meine Meinung. Es ist jedem selbst überlassen wie er das bewertet.
C: Es ist wirklich schwer zu sagen, ob wir nun eine Rock- oder Pop-Band sind. Ich denke, wir schreiben Lieder wie eine Pop-Band und wir bringen sie live wie eine Rock-Band.
J: Gute Erklärung!
C: Man kann es also beides sagen. Ich ziehe Pop-Songs den Rock-Songs vor. Aber live gefallen mir Rock-Songs besser.

Wie das?

C: Weil die Attitüde im Rock alles ausmacht, was Musik sein sollte, aber Rockmusik - wenn man als Beispiel die schwedischen Bands Hellacopters oder The Hives nimmt - ist irgendwie immer das Gleiche. Man hat ein Riff und schreit etwas Cooles, man legt nicht so viel Wert auf oder investiert nicht so viel Mühe in die Texte. Es ist eher wie: „Walk, Idiot, walk!" (hier zitiert Carl eine Songzeile aus „Walk, Idiot, Walk" von The Hives). Es ist wie ein Schlagwort aus einem Clint Eastwood-Film: „Make my day!" Deswegen gefallen mir Popsongs besser.

Wenn ich euer neues Album höre, kommt es mir vor wie eine Zeitreise durch die vergangenen Jahrzehnte des Rock'n'Roll: Manche Lieder hören sich an wie 60er Jahre Rock'n'Roll, manche wie aus den 70ern oder 80ern. Es mag ja vielleicht lustig klingen, aber eines der Lieder „You Can't Kill Rock'n'Roll" erinnert mich doch tatsächlich an Europe, die schwedische Hardrock-Band aus den 80ern.

C: Stimmt, hat auch ein bisschen was von Bon Jovi. Ich denke, es ist ein klassischer, schwedischer Rocksong.
J: Es hat diese klassische Kombination bestimmter Akkorde, die Bands wie Bon Jovi und Europe viel benutzt haben. Absolut.

Fandet ihr die früher gut?

C: Europe? Klar!
J: Total!

Ich hatte sogar ein Poster über meinem Bett hängen.

C: (lacht) Echt?
J: Wir haben unseren Proberaum im selben Gebäude wie sie.

Wirklich?

C: Ja, wir proben im selben Gebäude wie Europe.

Ich wusste nicht mal, dass es die noch gibt!

C: Doch, die gibt's noch.

Die müssen mittlerweile ganz schön alt sein.

C: Die sind ziemlich alt. Joe ist ein alter Mann.

Carl Norén„The Wild One" ist ein Film mit Marlon Brando. Ist er eines eurer Idole, und hättet ihr gerne in den 1950ern gelebt und einen Lebensstil wie den seiner Rolle in dem Film geführt?

C: Ja, irgendwie schon. Das wäre schon toll gewesen. Und was Marlon Brando betrifft: Ich bewundere sein Leben in den 50ern, 60ern bis zum Anfang der 70er. Er war gut mit Marilyn Monroe befreundet und hing mit den ganzen „Legenden" ab. Den letzten Legenden, denn nach ihnen gab es keine Legenden oder Ikonen mehr. James Dean, Marilyn Monroe, Marlon Brando, Frank Sinatra und Elvis. Seien es jetzt Mode-Ikonen oder Musik-Ikonen. Es gibt doch dieses Bild, wo sie alle an einer Bar sitzen.

Ja, in so einem Diner.

C: Genau. Solche Menschen gibt es einfach nicht mehr. Klar hätte ich gerne in dieser Zeit gelebt und mit ihnen abgehangen. Ich denke, das ist etwas, was uns in unserer heutigen Gesellschaft fehlt: Diese Ikonen, die andere inspiriert haben, weil sie so talentiert waren. Heute geht es nur noch um Ruhm und Berühmtheit. Es geht nur noch darum, berühmt zu sein, aber nicht darum, Talent zu haben, in dem was man tut der Beste oder professionell zu sein.

Und heute ist auch die Halbwertzeit nicht mehr so lange.

C: Nein, sie halten sich überhaupt nicht lange, und den Leuten geht es auch nicht um die Performance, sondern sie interessieren sich nur dafür, wer was trägt und wer wann auf dem Roten Teppich erschienen ist. Es ist wieder Zeit für Legenden.

Wollt ihr die neuen Legenden werden?

C: Es müssen nicht unbedingt wir sein, aber wir wollen die Tradition, immer sein Bestes zu versuchen und in jeder Beziehung seine eigenen Fähigkeiten voll auszuschöpfen, am Leben erhalten und nicht rumalbern und blöd sein, wie es so viele Menschen sind.

Der Bonustrack auf eurem Album ist ein Cover des Hollies-Songs „Busstop". Warum habt ihr gerade das ausgesucht?

C: The Hollies sind irgendwie eine langweilige Band, aber sie hatten einige großartige Lieder. Graham Nash war eine Zeit lang Mitglied, und sie waren gute Sänger. Sie hatten zwei oder drei richtig gute Lieder, die sie aber alle nicht selbst geschrieben haben „He Ain't Heavy", „He's My Brother" und „Busstop" wurden alle von einem Songwriter geschrieben. Der Song ist gut, aber wir dachten, wir könnten ihn besser bringen. „Busstop" repräsentiert so gut diese zeitlosen Melodien und auch Texte, die aus den 60ern aus dem Nirgendwo kamen. Die Texte greifen Situationen aus dem Alltag auf und verwandeln sie in große Liebesgeschichten, z. B. an einer Bushaltestelle. Und jeder kann sich damit identifizieren. Ich denke, das ist etwas, das in den heutigen Liedern fehlt, also wollten wir es einer jüngeren Generation näher bringen.
J: Die meisten unserer Fans haben sicher das Original nie gehört. Hätte ich wahrscheinlich auch nicht, wenn meine Eltern nicht die Platte gehabt hätten. Aber es ist so ein großartiges Lied, und nun haben sie die Chance, es zu hören.
C: „He's My Brother" covern wir dann auf dem nächsten Album (grinst).

Okay, dann ist also schon ein neues Album in der Mache (grinse auch)?

C: Klar. (lacht)

Wusstet ihr eigentlich, dass The Hollies zeitweise auch mal einen schwedischen Sänger, Mikael Brickfors, hatten, in der Zeit aber überhaupt  nicht erfolgreich waren?

C: Die hatten eine ganze Menge Sänger. Auch ein paar schwedische. Eine eigenartige Band, weil sie so oft die Mitglieder gewechselt hat.

Aber es gibt sie heute noch, wenn auch nur mit einem Mitglied der ursprünglichen Besetzung.

J: Ja, und sie touren auch noch.

Carl, ich glaube, du hast gesagt, dass das Thema des Albums, Rebellion, daher rührt, dass ihr euch nirgendwo dazugehörig fühlt - weder in eurer Heimatstadt Borlänge, noch in eurer neuen Wahlheimat Stockholm. War das Schreiben des Albums so etwas wie eine Therapie und wenn ja, hat sie funktioniert?

C: Ja, irgendwie schon. Ich glaube, Entfremdung ist für einen Songwriter sehr inspirierend. Man muss sich fast in die Entfremdung zwingen. Als wir noch in Borlänge lebten, waren wir Outsider. Wenn man nicht zu den dominierenden Gruppen gehört, ist man frei. Man kann tun und sagen, was man will. Wir dachten, Stockholm sei da anders, die Menschen seien offener. Ich hasse Menschen, die mit einer bestimmten Person abhängen wollen, nur weil die berühmt ist. Letztendlich war Stockholm aber noch schlimmer. Also haben wir uns auch dort entfremdet gefühlt, was viele unserer Lieder inspiriert hat. Eine Band, die wir in unserer Anfangszeit viel gehört haben, waren die Manic Street Preachers, deren Songs dieses Thema auch immer aufgreifen. Ihre Texte handeln davon, wie wichtig es ist, man selbst zu sein und sich nicht von der Gesellschaft vereinnahmen zu lassen.

Jonas Karlsson, Carl Norén und ichIch war innerhalb des letzten Jahres zweimal in Stockholm und fand die Menschen dort sehr aufgeschlossen und freundlich.

C: Ja, sie sind auch freundlich, aber viele sind nicht offen, besonders, was Musik angeht. Wenn es um Musik geht, ist die Sichtweise der meisten Menschen in Stockholm sehr eingeschränkt. Da heißt es: „Du musst dies und das hören. Electro ist gerade in." Also hört jeder plötzlich nur noch Electro und hasst Rockmusik. Und im nächsten Jahr hört jeder nur noch Rock und hasst Electro. Ich spreche hier auch nicht unbedingt über den Ottonormalverbraucher, sondern eher über Leute aus dem Musikgeschäft.

Ihr habt das gesamte Album auf eure Myspace-Seite gestellt. Hattet ihr keine Angst, dass Leute sagen würden: Gefällt mir, aber jetzt muss ichs ja nicht mehr kaufen?

C: Schon, aber wenn man die Musik wirklich mag, dann kauft man sich auch das Album. Als ich fünfzehn war, ging ich in Plattenläden und hab mir die Alben dort angehört. Wenn sie mir gefielen, habe ich sie gekauft. Heute gehe ich auf Myspace und höre mir da die Lieder an. Ich finde das fair. Man sollte nicht - wie wir in Schweden sagen - „das Schwein im Sack" kaufen müssen.

Bei uns ist es „die Katze im Sack".

C: (lacht) Ja, aber man sollte es nicht tun müssen, man sollte wissen, was man bekommt. Und dann gibt es das Problem, dass viele Musik runterladen, anstatt sie zu kaufen. So ist die Gesellschaft heute. Unbekanntere Künstler, die keine Platten verkaufen, werden von ihrem Label fallen gelassen. Man wird kein zweites Album von solchen Bands hören, denn die Plattenfirma sagt: Wir haben kein Geld verdient. Sie bekommen nur Geld durch die Plattenverkäufe. Und sie sind es nun mal, die für die Aufnahmen und die Verbreitung der Alben bezahlen. Wir fanden es nur fair, die Leute unser Album hören zu lassen. Außerdem sollten wir kurz nach der Veröffentlichung auf Tour gehen und wollten unseren Fans die Möglichkeit geben, die Lieder schon gehört zu haben.

Jetzt kommen wir schon zur letzten Frage, einer, die ich gerne allen schwedischen Bands stelle, mit denen ich Interviews mache: Warum denkt ihr, dass schwedische Musik so beliebt ist? Und es sind ja nicht nur Bands, sondern viele internationale Künstler haben auch schwedische Songwriter oder Produzenten.

C: Ich denke, dafür gibt es zwei Gründe: Auf der einen Seite ist die traditionelle schwedische Musik, Folkmusic, sehr schön. Die Tradition schwedischer Musik war immer sehr melodieorientiert. Außerdem sind wir ein Land, das sehr leicht zu beeinflussen ist. Unsere musikalischen Einflüsse kamen immer schon von England und Amerika, wir haben nicht unbedingt einen eigenen Stil. Deswegen können wir auch solche Musik schreiben. Der andere Aspekt ist, dass die Landschaft in Schweden sehr schön ist und einen inspiriert. Wie z. B. Salzburg, wo Mozart aufgewachsen ist, das hat auch eine sehr schöne Landschaft. Weitläufige Seen und hohe Berge können durchaus eine Inspiration für Musik sein. Jetzt weißt du es, das sind die Gründe. (lacht)

Jonas KarlssonIhr habt mir sehr weitergeholfen.

J: Außerdem schreiben viele schwedische Bands und Songwriter ihre Musik auf Englisch. Das ist auch irgendwie eine Tradition. So ist die Wahrscheinlichkeit größer, auch im Ausland bekannt und beliebt zu werden.

Als ich in Stockholm mit zwei Produzenten über diese Frage gesprochen habe, meinten sie, ein Grund sei vielleicht auch, dass Schwedisch eine so melodiöse Sprache ist und Schweden deshalb eine natürliche Begabung für Melodie haben.

C: Vielleicht. Deswegen gibt es wahrscheinlich keine guten Bands aus Stockholm.
J: Daran habe ich auch gerade gedacht.


An dieser Stelle imitiert Carl den Dialekt, den man in Borlänge spricht, der sehr melodisch und wie ein Singsang klingt, und danach den eher stakkatomäßig wirkenden Stockholmer Dialekt, der dagegen eher monoton wirkt.

 
C: Deswegen findet man keine guten Bands, die aus Stockholm kommen.

Die meisten Bands sind zugereist, oder?

C: Ja. Es gibt zwar auch Bands aus Stockholm, wie die Shout Out Louds oder Johnossi, aber die sind nicht so gut.


Hier zeigt sich mal wieder, dass jeder seinen eigenen Geschmack hat und das Dissen anderer Bands scheinbar auch eine englische Tradition ist, die von den leicht zu beeinflussenden Schweden gerne übernommen wurde.


http://www.sugarplumfairy.nu/

http://www.myspace.com/sugarplumfairyborlange

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