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nadja „dagdrøm“

Geschrieben von N am . Veröffentlicht in Tonkonserven

nadja_dagdrom_lp_kleinder titel gemahnt an den hohen norden und träume, in wahrheit findet dies hier jedoch in der realen, staubtrockenen wüste statt; geradezu skelettiert.  


viele haben es schon geschrieben, ich wiederhole es, weil es mich ebenso überrascht hat: bis zum release dieses albums hatten nadja rund zwei jahre lang keine veröffentlichung allein als nadja; statt dessen ausschließlich kollaborationen... ...und dann kommt dieses album. und scheint zu gleichen teilen unverständnis wie begeisterung hervorzurufen. zunächst einmal ist da das schlagzeug; auf allen vier stücken ein echtes, akustisches schlagzeug; eingespielt von mac macneily (the jesus lizard). und dann ist da der sound: kaum einmal, dass sich (insbesondere) die gitarren zu den multischicht-monstern erheben, die nadja auf den meisten ihrer bisherigen werke früher oder später auf die hörer losgelassen haben; keine „ambient“-starter zum beginn eines tracks (remember „thaumogenesis“, z.b.). statt dessen staubtrockene intros („one sense alone“, „falling out of your head“), dominiert von leah buckareff's bass, ganz vorn im hörraum, direkt am ohr der hörer. der einsatz der gitarre(n) schiebt dann zwar wie gewohnt eine ganze wand aus distortion durch die boxen; deren fast zerfräster oder wie von einem heißluftgebläse erzeugte sound ist jedoch im vergleich zum gewohnten nadja-überfuzz fast allen fleisches entledigt und so trocken, dass man sich unwillkührlich fragt, ob auch töne oder ein sound hygroskopisch sein können. strukturell sind zudem alle vier stücke sehr viel offensichtlicher „songs“ als das für die mehrzahl der bisherigen nadja veröffentlichungen zutreffen würde (und das liegt nicht an aidan baker's gewohnt eingebetteten flüstergesang, sondern an den die stücke bestimmenden strophe / refrain strukturen...) und, ergänzend zum bereits oben gesagten: overdubs aus myriaden weiterer gitarren finden einfach nicht statt oder bleiben so sparsam und/oder so sehr im hintergrund, dass das ganze album tatsächlich so klingt, als wären die drei protagonisten jederzeit ohne einschränkungen soundlicher art in der lage, dies alles auch genau so live zu spielen.

diese einfachheit in sound ist erstmal überraschend und tatsächlich neu, wenngleich nadja kenner soundähnlichkeiten z.b. zu der „clinging to the edge of the sky“ ausmachen könnten; wenn auch nur den unverzerrten teil des tagtraums betreffend. diese einfachheit hat aber auch etwas irritierendes; der typische nadja sound mit seinen undurchdringlichen schichten und wänden, seinen soundstrudeln etc. ist ja auch stets etwas, in das sich die hörer bereitwillig und ohne angst vor reue hineinfallen lassen können; und vielleicht auch der grund, warum nadja ihre hörerschaft so mühelos aus sehr unterschiedlichen kreisen von genrehörern generieren kann. die auf „dagdrøm“ herrschende fokussierung bedeutet dann auch, dass derlei genussverstärker schlicht entfallen, die positionierung der platte ist eindeutiger (vielleicht der grund, warum viele andere von dem „rockalbum“ sprechen?), verlangt mehr „ja, ich will“ als sonstige veröffentlichungen des duos (hier: trios). meine empfehlung: sollte jemand bei den ersten hördurchgängen enttäuscht sein; nicht aufgeben. „dagdrøm“ wächst beständig mit dem hören und das in seiner monotonen riffigkeit zunächst fast stumpfe „falling out of your head“ wird zum zwingenden bestandteil, genau wie das titelstück oder das besonders im ersten teil geradezu furiose „space time and absence“. und das hat dann überhaupt nichts mit „schönhören“ zu tun...

nadja_dagdrom_cd_kleinauf vinyl in limitiert und weniger limitiert (das limitierte vinyl ist grün, passend zum cover, letzteres von leah buckareff und aidan baker zusätzlich unterschrieben) und auf cd und doppel-cd, letztere über daymare recordings aus japan mit den kompletten „the spectrum of distraction“ sessions, die, keine überraschung bei dieser kopplung, mac macneily im rahmen seiner zuarbeit zu der aidan baker vö „the spectrum of distraction“ aufgenommen hatte. das ist dann aber eine ganz andere baustelle als nadja's „dagdrøm“ und definitiv getrennt zu genießen; lohnen tut es sich allemal, insbesondere natürlich für diejenigen, die „the spectrum of distraction“ grundsätzlich gut fanden/finden und noch mehr davon physisch besitzen möchten...
aus meiner sicht ist „dagdrøm“ eine vinyl-vö; nicht nur sieht das cover der lp um meilen besser aus, als alle internetbilder vorgauckeln könnten (siebbedruckte pvc außenhülle über siebbedrucktem schwarzen pappfolder, im gegensatz zum weissen cd cover), auch ist der sound auf vinyl um das entscheidende quäntchen besser, runder, wärmer. und die länge passt (und stimmt so) ohnehin.

schöne grüße

N

http://brokenspineprods.wordpress.com/

http://nadja.bandcamp.com/album/dagdr-m