THE CANNONBALL ADDERLEY LEGACY BAND im birdland Wien 06/04 (unruhr im Urlaub)

Ich bin jazzdoof. in mienem Plattenregal steht ledglich...

...eine Compilation von alten Blue-Note-Klassikern. Aber ich habe ein gutes Namensgedächtnis. Deshalb fiel mir die Ankündigung der Cannonball Adderley Legacy Band im Falter (so was wie der Wiener coolibri, bestimmt vom Ruhrgebiet abgekupfert!) durch meine Lesegläser mitten ins Auge. Denn Cannonball Adderley ist auf meinem Sampler mit „Mercy, mercy, mercy“ vertreten, ein Titel, den ich stundenlang mit wachsender Begeisterung hören kann. Und nicht nur der Song begeistert mich, sondern auch das Publikum. Denn es handelt sich um eine Live-Version aus den 1960er Jahren und der Song wird auf der Platte angekündigt mit dem Hinweis „I got it from my pianist Joe Zawinul who wrote this tune...“. Just dieser Joe Zawinul ist gebürtiger Wiener. Nach jahrzehntelangem Aufenthalt im Mutterland des Jazz, als Musiker in vielen bekannten Jazzcombos, auch mit der eigenen Band Weather Report, kehrte er nun nach Hause zurück. Im Mai eröffnete er in Wien einen Ableger des legendären New Yorker Jazzclubs: Das birdland Wien.

Fast alles vom Wenigen, was ich über Jazz weiß, kumulierte also in diesem Abend. Ich ging ins birdland. Der Club befindet sich im Keller des Wiener Hilton, ich sah den Türstehern an, dass sie meinen Aufzug nicht goutierten, doch ließen sie mich mit einem trainierten Lächeln ein. Ich ging zur Theke, bestellte ein Bier, drehte mich mit dem Bier in der Hand dem Zuschauerraum zu und sah...niemanden mit einem Bier. Das Publikum saß an kleinen Tischchen, die Weingläser vor, die Kühler neben sich. Die Service-Azubis des Hilton waren unglaublich zuvorkommend, flitzten zwischen den Tischen her, schenkten Wein nach und tauschten die Aschenbecher nach jeder Kippe aus. Das Wiener birdland hatte mit dem Jazzclub meiner Vorstellung soviel gemein wie die Schalke-Arena mit einem Kuhstall.

Dieser Bart ist angeklebt
Joe Zawinul
Herr Zawinul streifte durch den Raum, das Hemd aus der Anzugshose, italienische Markenware an den Füßen und einem Strickkäppi auf dem Kopf, das in diesem Ambiente wahrhaft provozierend wirkte, aber zu ihm gehört wie der Hut zu Lindenberg, was ich anhand der gerahmten Poster mit seinem Antlitz schnell begriff. Viele Gäste begrüßte er persönlich, Busserl rechts, Busserl links, guten Abend Herr Kommerzialrat. Man war unter sich, man fühlte sich wohl, in der ersten Reihe schmeckte auch eine Zigarre zum Wein und endlich stieg der Gastgeber auf die Bühne und kündigte die Band an. Die Musiker traten unter würdevollem Applaus ins Licht.

Am Saxophon Vincent Herring, an der Trompete Jeremy Pelt, Rick Germanson am Piano und Vincente Archer am Kontrabass. Dazu der Drummer Louis Hayes, der von seinen Mitspielern fortwährend als Legende gepriesen wurde und schließlich schon mit dem heiligen Cannonball zusammenspielte, wie auch offenbar mit jeder anderen Jazzkoryphäe. Sie spielten einen sicheren Set, jedes Stück mit einem Solo gespickt. Die Experten im Publikum bedachten die Darbietungen mit viel Applaus und wetteiferten um die Eröffnung des Beifalls. Jeder musste als erster die einzigartige Güte der musikalischen Präsentation mit Sachverstand erkannt haben. Der Solist dankte artig und ich fragte mich, ob sich ein Jazzmusiker in dieser Atmosphäre tatsächlich wohlfühlt oder ob meine Vorstellung eines Jazzkonzerts einfach eine Spur zu romantisch ist. Wie kam es eigentlich zu der Vereinnahmung des Jazz durch die weiße Intelligenz?

Die Cannonball Adderley Legacy Band machte ihrem Namensgeber alle Ehre und spielte Jazz mit vielen Souleinflüssen, stimmungsvolle Livemusik. Dezent, aber doch präsent, raum- und abendfüllend. Es reichte jedoch nicht, dem birdland das Golfclub-Ambiente zu nehmen. Die Stimmung hatte noch viel Luft bis zur Spitze in der nach oben offenen Begeisterungsskala, was vermutlich auch die in Aussicht gestellte Jamsession zwischen Louis und seinem alten Kumpel und heutigen Gastgeber Joe nicht erforderlich machte.

Die Besucher, die ihr Kommen dem gesellschaftlichen Anlass schuldeten und nicht der Musik, wurden langsam unruhig. Nach zwei Stunden versuchte der Herr vor mir immer wieder, möglichst unauffällig seinen kleinkarierten Jackettärmel zu lupfen, um verstohlen einen Blick auf die Uhr werfen. Etwas weiter vorn wurden unter dem Tisch heimlich und fleißig SMS verschickt. Gut gefiel mir auch das ältere Paar, bei dem der weibliche Teil bereits schlief und das Männchen die Gelegenheit nutzte, ihr ständig am Busen zu grabbeln.

Über meinen Sozialstudien vergaß ich fast, mich über die Musiker zu ärgern, die es unterließen, innerhalb der vergangenen drei Stunden „Mercy, mercy, mercy“ zu spielen. Sausäcke!

www.birdland.at